Fifa-Krise
WM-Boykott als Druckmittel gegen Blatter

Mehrere europäische Fußball-Verbände fordern eine Veröffentlichung des Untersuchungsberichts zur Turniervergabe an Russland und Katar. Das erhöht den Druck auf Fifa-Präsident Blatter – und gefährdet dessen Wiederwahl.
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DüsseldorfEine Fußball-Weltmeisterschaft ohne Deutschland, Italien oder England? Eine Horrorvorstellung für Fußballfans – und die Macher in der Zentrale des Fußball-Weltverbandes in Zürich. Doch genau einen solchen Boykott bringen die Kritiker des allmächtigen Fifa-Präsidenten Joseph Blatter ins Spiel. Der jüngste Vorstoß kommt von David Bernstein, dem ehemaligen englische Fußball-Verbandschef.

Es sei Zeit für drastische Maßnahmen gegen die Fifa, sagte er in einem BBC-Interview. „Es sind 54 Länder in der Uefa. Es gibt Deutschland, Spanien, Italien, Frankreich und die Niederlande – alle mächtig – und man kann ohne sie keine ernsthafte WM abhalten“, sagte der 71-Jährige. „Sie haben die Macht, das zu beeinflussen, wenn sie den Willen dazu haben.“

Ein solcher Boykott hätte die Unterstützung der englischen Öffentlichkeit, betonte Bernstein, der inzwischen aus der Anti-Diskriminierungs-Kommission der Fifa zurückgetreten ist. Die Fifa bezeichnete Bernstein als „totalitär“ und „lächerlich“. Die Wahl Katars zum WM-Gastgeber 2022 bezeichnete Bernstein als „die lächerlichste Entscheidung in der Sportgeschichte“.

Hintergrund der Kritik ist das Desaster um die Veröffentlichung einer Stellungnahme der Fifa-Ethikkommission zu Manipulationsvorwürfen bei der Vergabe der WM-Endrunden 2018 an Russland und 2022 an Katar. Während der Münchner Richter Hans-Joachim Eckert betonte, es gebe keine ausreichenden Anhaltspunkte für Korruption, widersprach der Fifa-Ermittler Michael J. Garcia diesem Urteil.

Den vollständige Bericht hält die Fifa unter Verschluss – zum Schutz der Interviewten. Durch die unterschiedlichen Bewertungen von Eckert und Garcia mehren sich nun allerdings die Stimmen, die für eine Veröffentlichung des Berichts sind. Zu den Befürwortern gehören auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, Ligapräsident Reinhard Rauball und das deutsche Fifa-Exekutivkomiteemitglied Theo Zwanziger.

„Wenn das nicht passiert und diese Krise nicht glaubwürdig gelöst wird, muss man sich auch über die Frage unterhalten, ob man in der Fifa überhaupt noch gut aufgehoben ist“, sagte Rauball dem „Kicker“. „Eine Option, über die ernsthaft nachgedacht werden müsste, ist sicherlich, dass die Uefa sich von der Fifa löst.“

Der frühere Fifa-Reformer Mark Pieth rät Chefermittler Garcia, seine Untersuchungsergebnisse durchsickern zu lassen. „Wir müssen seine Erkenntnisse einfach haben, und meine Erfahrung ist, dass in den USA alles irgendwie durchsickert, wenn das helfen kann“, zitiert USA Today den Schweizer Pieth.

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