Fußball
Klinsmann: Der 9. Juni zählt - Baustelle Abwehr

dpa DüSSELDORF. Augen zu und durch! Jürgen Klinsmann geht mit seinem Hurra-Stil weiter volles Risiko, aber eine Woche vor dem „Tag X“ gegen Costa Rica läuft immer mehr die Zeit davon, um auf der Großbaustelle Abwehr wenigstens die gravierendsten Mängel zu beheben.

Beim 2:2 gegen die eingespielten und quirligen Japaner entging die DFB-Auswahl mit ihrer Taktik, die wie schon beim 1:4 in Italien zeitweise an Harakiri erinnerte, haarscharf einem herben Rückschlag. Der Defensiv-Notstand rief sogar den Bundestrainer auf den Plan: „Darüber werden wir intern kritisch diskutieren.“ Der Optimismus des Wahl-Amerikaners ist aber ungebrochen, nur die WM zählt für Klinsmann: „Am 9. Juni werden wir sehen, wo wir stehen.“

Bei den Fans sind Podolski, Schweinsteiger & Co. trotzdem weiter „mega-in“: Eine WM-Kulisse von 42 200 Besuchern sorgte am Abend nach dem Japan-Spiel in der Düsseldorfer LTU-Arena für einen Zuschauerrekord bei einem Training der DFB-Auswahl. Bislang hatte Köln die Bestmarke mit 20 000 gehalten. „Das ist der Wahnsinn“, rief Team-Manager Oliver Bierhoff über das Stadion-Mikrofon den Fans zu: „Die Jungs sind begeistert, eine solche Stimmung beim Training zu haben.“

Statt die WM-Elf einzuspielen, hatte Projektleiter Klinsmann am Vorabend in Leverkusen beim vorletzten Test sogar noch einmal neue Experimente gewagt: Um nach der Rückkehr von Kapitän Michael Ballack auch dessen Schattenmann Tim Borowski in der Mannschaft zu behalten, beorderte er für den zuvor schwächelnden Arne Friedrich die Notlösung Bernd Schneider nach rechts hinten - eine nicht überzeugende Lösung.

Die extreme Offensiv-Besetzung stieß sogar intern auf Skepsis. „Lehrreich war, dass wir diesen riskanten Spielstil zur Not spielen können“, kommentierte Torhüter Jens Lehmann: „Wir sind WM-Gastgeber und irgendwo verpflichtet, auch etwas für die Attraktivität des Spiels zu tun. Aber natürlich steht unter dem Strich der Erfolg.“

Borowski und sein Bremer Vereinskollege Torsten Frings fanden als Doppel-Sechser vor der Abwehr nicht zusammen, und Ballack fühlte sich in der ungewohnten Position halbrechts im Mittelfeld unwohl. Weder Abwehr noch Offensive profitierten von den Maßnahmen, es fehlte die Abstimmung. „Wir haben mit einem sehr offensiven Mittelfeld gespielt und die Defensive vernachlässigt“, urteilte Ballack. Doch Klinsmann hielt dagegen: „Wir müssen Varianten in der Schublade haben.“

Wenn aber die Torfabrik Klose/Podolski lahmt, wird es eng. Denn in der Defensive steht nicht die Null, sondern Lehmann ist häufig als Torwart und Libero gleichzeitig gefragt. „Wir hätten fünf oder sechs Tore kriegen können“, bemerkte DFB-Präsident Theo Zwanziger besorgt. „Man darf doch einmal daran erinnern, dass es Abwehr heißt. Und wie der Name beinhaltet, also abwehren und nicht öffnen“, kritisierte Franz Beckenbauer bei einem Termin in Berlin.

Dass ausgerechnet der in der Bundesliga als „Chancentod“ geltende HSV-Stürmer Naohiro Takahara die Schwächen mit seinem Doppelschlag aufdeckte (57./65.), war bezeichnend. Dass nicht mehr anbrannte, war dem überragenden Lehmann zu verdanken. „Jens hat dazu beigetragen, dass wir mit einem Unentschieden davongekommen sind“, so Klinsmann.

Nur eine intakte Moral trotz schwerer Beine sowie zwei späte Treffer nach Standardsituationen durch Miroslav Klose (76.) und Bastian Schweinsteiger (80.) verhinderten die drohende Pleite. „Kompliment an die Mannschaft, wie sie nach dem 0:2 reagiert hat“, lobte Klinsmann. Ansonsten setzt er auf Videostudium und praktische Arbeit auf dem Platz: „Das geht nur über Üben, Üben, Üben.“

Auch wenn für den Bundestrainer allein der 9. Juni zählt, ist der Druck vor der WM-Generalprobe am 2. Juni in Mönchengladbach gegen Kolumbien wieder größer geworden. „Es ist immer wichtig, dass man den letzten Test mit einem positiven Ergebnis abschließt“, betonte Ballack. Abwehrspieler Christoph Metzelder ergänzte: „Wir sind in der Vorbereitung, das Ziel ist das Spiel gegen Costa Rica. Aber es geht auch darum, Tagesaktualität und Ergebnisse vorzuweisen.“

Ballack forderte sogar ein Ende der Experimente und eine echte Generalprobe. „Wichtig wird sein, dass wir jetzt gegen Kolumbien die Formation aufbieten, die dann auch anfangen wird“, sagte der Kapitän. Ein angespannter Klinsmann sagte dazu nur: „Das könnte sein, aber es ist nicht unsere Zielsetzung.“ Allerdings steht das Team in Mittelfeld (Schneider, Frings, Ballack, Schweinsteiger) und Angriff (Klose/Podolski). Und auch vor Lehmann sind die Fronten praktisch geklärt: Nach dem verpatzten Länderspiel-Comeback von Jens Nowotny, der rein kam und bei beiden Gegentoren eine schlechte Figur machte, sind im Zentrum endgültig Mertesacker/Metzelder erste Wahl.

Bis zur Auswechslung Metzelders, der wieder einen Schlag auf die Wade erhielt, aber gegen Kolumbien spielen kann, hatte das Duo „immer besser harmoniert“, befand Klinsmann. Rechts hinten bleibt Friedrich erste Wahl, links scheint Philipp Lahm den Wettlauf gegen die Zeit zu gewinnen. 16 Tage nach seiner Ellbogen-Operation steht der Münchner vor einem Blitz-Comeback gegen Kolumbien.

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