Italienischer Fußball
Morddrohungen, Rassismus und Erfolgsdruck

Italien hofft im Länderspiel gegen die deutsche Nationalmannschaft auf einen erneuten Prestige-Erfolg. Abseits des Spielfeldes kämpft der italienische Fußball mit ganz anderen Gegnern: Erfolgsdruck, Rassismus und Ultras.
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MailandDrei Auswechslungen in den ersten 50 Sekunden, fünf Verletzte in den folgenden 20 Minuten. Nur noch sechs Mann auf dem Platz und damit regelerzwungener Spielabbruch in der 21. Minute: Kein Vorabszenario für das Länderspiel heute Abend gegen Italien, sondern eine Begebenheit beim italienischen Derby US Salernitana gegen ASG Nocerina am vergangenen Wochenende.

Wegen der tiefen Rivalität zwischen den Fangemeinden der beiden Drittligisten hatte man in Italien beschlossen, die Gästetribüne zu schließen. Daraufhin drohte eine Hundertschaft Nocerina-Ultras ihrer eigenen Mannschaft mit Mord, falls sie spielen würde.

Aus Sorge an Leib und Leben hatten die Fußballer zunächst ihre Arbeit verweigert, trotz der Beruhigungen von Vereinsführung und Polizeidirektion. Schließlich betraten sie den Platz, sorgten mit fragwürdigen Verletzungsausfällen aber vorzeitig für den Abpfiff eines schmutzigen Spiels. Das Sportgericht bestrafte im Laufe der Woche die Nocerina mit einer 0:3 Niederlage und Strafzahlungen.

Ultras sind eines der größten Übel des italienischen Fußballs. Über Jahre hinweg haben sie eine erschreckende Macht entwickelt und sind heute imstande, Spieler und Vereinsführungen unter Druck zu setzen. Sie beeinflussen Spiele nach ihren Wünschen. Nicht nur das. Sie verlangen, dass man ihnen Reise und Eintrittskarte – trotz Ausweispflicht beim Ticketerwerb – für Auswärtsspiele bezahlt; im Gegenzug garantieren sie, sich ruhig zu verhalten.

Falls die Vereine nicht nachgeben, reagieren die Ultras wie in Salerno. Es interessiert sie nicht, dass sie damit vorsätzlich dem Verein schaden. Und wenn Klubs oder Polizei gegen sie vorgehen, reagieren sie nach dem Motto: „immer härter zuschlagen“, wie ein Ultraführer aus der Gegend um Neapel in einem Insidermagazin sagt. Hooligans kennt man auch in Deutschland. Aber sie gehen nicht mit dieser Brutalität vor.

Auf verbale Brutalitäten reagierte der Neu-Schalker Kevin-Prince Boateng im Januar dieses Jahres (damals noch im Mailänder Trikot), indem er empört das Spielfeld verließ. Das gesamte Team des AC Milan schloss sich ihm an. „Ich liebe den Sport, aber das…so schlimm habe ich es noch nie erlebt! Schade…“, sagte er nach rassistischen Rufen.

Kommentare zu " Italienischer Fußball: Morddrohungen, Rassismus und Erfolgsdruck"

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  • Vom Balltreter zum Kopftreter scheint es in manchen Ländern kein weiter Weg mehr zu sein.
    Man beobachtet allgemein eine Verrohung der Sitten, dass es einen graust.
    Da wird sozialpädagogisches Zuckerbrot nicht mehr viel helfen, man wird die fast vergessene Peitsche brauchen.

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