Italienischer Fußball
Wie im alten Rom

Der derzeitige Fußball-Bestechungsskandal hat alles, was zu einem echten Krimi gehört: Bestechung, Nötigung, geheime Absprachen und einen Selbstmordversuch. Immer öfter machen Gerüchte über eine Begnadigung der Heroen die politische Runde. Dabei wurden nicht nur Spiele verkauft, sondern auch Schiedsrichter und Journalisten bestochen.

MAILAND / ROM. Es ist Montagabend um halb elf, als sich der blaue Autobus der „Azzurri“ den Weg durch das Fahnenmeer am Circo Massimo in Rom bahnt. Eine Million Menschen drängt sich auf den Mauerresten der römischen Anlage, um den WM-Helden in ihren dunklen Dolce-&-Gabbana-Anzügen zuzujubeln. „We are the Champions“ tönt es aus den Lautsprechern. Auf der Bühne ergreifen die Spieler Francesco Totti und Gennaro Gattuso das Mikrofon, um zur „Bella Ciao“-Melodie zu singen: „Chi non salta, è un francese“ (Wer nicht springt, ist ein Franzose), und sogleich hüpft die Menge im Rhythmus mit. „Stolz, Italiener zu sein“, steht auf dem breiten, blauen Banner, das vor der Bühne hängt.

Ein Land feiert seine kickenden Heroen, und für ein paar glückliche Stunden ist der Bestechungsskandal vergessen, der Italiens Fußball kurz vor dem großen Fest der Leibesertüchtigung in Deutschland die Unschuld geraubt hat. Insgesamt vier Vereine und 25 Personen sitzen auf der Anklagebank eines Sondertribunals, das in diesen Tagen in den Katakomben des römischen Olympiastadions, nur wenige Kilometer vom Festplatz Circo Massimo, immer wieder zusammentritt.

» Fotostrecke: Die Beschuldigten im Bestechungsskandal

In den schmucklosen Räumen mit den niedrigen Decken geht es um das System Fußball, das vor allem ein Mann manipuliert hat: Luciano Moggi, der Sportdirektor des Rekordmeisters Juventus Turin. Er soll Spiele verkauft, Schiedsrichter bestochen und Journalisten beeinflusst haben.

Vier Vereinen droht nun der Abstieg aus der ersten Liga: Juventus Turin, AC Mailand, Lazio Rom und AC Florenz. Bei diesen Clubs steht fast die halbe italienische Nationalmannschaft unter Vertrag: etwa Torwart Gigi Buffon und Kapitän Fabio Cannavaro von Juventus, Mittelfeldspieler Gennaro Gattuso beim AC Mailand und Torjäger Luca Toni in Florenz.

Die frisch gekürten Weltmeister in der zweiten oder gar dritten Liga? Undenkbar! Und so wartet ganz Italien auf ein Urteil, das eigentlich schon für Montag, den Tag nach dem gloriosen Finale, angekündigt worden war und jetzt wohl erst morgen kommt. Da geht der Rücktritt von Meistertrainer Marcello Lippi, den dieser gestern verkündete, beinahe unter.

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