Mentalcoach Kirchner zu BVB-Anschlag
„So etwas geht an niemandem spurlos vorbei“

Der Mentalcoach Steffen Kirchner spricht über die psychologischen Folgen nach dem Anschlag auf den Bus von Borussia Dortmund. Er erläutert, wie die Fußballer ein solches Trauma auch in eine Chance verwandeln können.
  • 0

Steffen Kirchner berät Manager und Sportler. Zu seinen Klienten gehört derzeit ein Spieler von Hannover 96. Auch Tennis-Profi Sabine Lisicki und die deutschen Leistungsturner haben schon mit ihm gearbeitet. Der Mentalcoach verfolgt die Ereignisse in Dortmund genau.

Herr Kirchner, der BVB muss nur einen Tag nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus gegen den AS Monaco antreten. Kann die Mannschaft da überhaupt die volle Leistung abrufen? 
Dieses Spiel heute Abend steht schon unter anderem Stern. Da darf man sich nix vormachen. Da ist es egal, ob und wie intensiv eine sportpsychologische Betreuung gewährleistet ist: Die Spieler sind keine Maschinen, der Vorfall hängt in ihren Köpfen. So etwas kann man nicht einfach löschen. Das gilt übrigens für beide Teams, nicht nur für den BVB. Klar ist aber auch: Jeder geht unterschiedlich mit so einer Traumatisierung um, je nach mentaler Konstitution.

Könnte so ein Schockerlebnis aus leistungsfördernd sein?
Absolut. Es gibt eine Chance, das positiv umzumünzen. Statt zu sagen: „Wir müssen heute trotzdem Fußballspielen“ könnte man auch das Thema Dankbarkeit und Demut in den Mittelpunkt stellen. Das wäre mein Ansatz. Ist das nicht ein Privileg, an so einem Tag gesund zu sein und Fußball spielen zu dürfen, also das zu machen, was man schon als Kind immer tun wollte? Darauf sollten sich die Spieler fokussieren. Das kann ein starker Energiegeber sein.

Wie lange braucht es um so ein Ereignis zu verarbeiten?
Auch das ist sehr individuell. Bei manchen Spielern kann es  nächste Woche schon okay sein, bei anderen ist es vielleicht nach zwei Jahren immer noch präsent. Wieder andere glauben, sie hätten es schnell verarbeitet, haben es in Wahrheit aber nur verdrängt. Das hängt von der Konstitution des Einzelnen ab, von seiner grundsätzlichen Belastungsfähigkeit, von seinem sozialen Umfeld und von der Frage, unter wie viel mentalem Stress er ohnehin schon stand. Sie müssen verstehen: So ein Erlebnis ist eine Art seelische Verletzung. Es ist zu vergleichen mit einer Wunde, die zwar heilt, aber auch nach Jahren wird noch eine kleine Narbe bleiben.

Könnte auch so eine Narbe in etwas Positives umgewandelt werden?
Es muss nicht unbedingt ein Makel sein, so ein Erlebnis bringt immer auch eine Chance. Auch das Team schweißt so ein Vorfall zusammen, den man gemeinsam durchlebt. Der Gemeinschaftssinn wird stärker, das schafft Verbundenheit. Die Spieler müssen so etwas nutzen, um sich persönlich weiterzuentwickeln.

Wie könnten Langzeitfolgen bei Spitzensportlern aussehen?
Das kann in Einzelfällen dramatisch sein. Schlafstörungen, zum Beispiel, könnten eine Folge sein, oder eine gewisse Nervosität oder Angst in einen Bus einzusteigen. Auch ein gewisser Verfolgungswahn ist im Prinzip denkbar – man fragt sich ständig: Bin ich hier noch sicher. Wie gut ein Spieler so ein Erlebnis verdauen kann, hat damit zu tun, wie gut ein Spieler in seiner Grundkonstitution vorbereitet ist.

Wie steht es denn generell um den Einsatz von Sportpsychologen  im deutschen Fußball?
In allen großen Ballsportarten in Deutschland kommen sportpsychologische Berater meist als Feuerwehrmann, wenn etwas passiert ist. Dann sollen sie die Leute wieder aufrichten. Aber auch eine vorbeugende Betreuung wäre wichtig. Das passiert nur vereinzelt.  Dabei zeigen Umfragen, dass die mentale Erschöpfung bei den Profi-Sportlern schon jetzt sehr hoch ist. Die Ereignisse vom Donnerstag sind eine weitere Zutat, in dem Stress-Cocktail der Spieler.

Hat der Anschlag auch Auswirkungen auf Spieler anderer Vereine?
Ich denke schon. Das betrifft ja alle ein Stück weit. Erst gestern habe ich mit einem Spieler von Hannover 96 telefoniert, den ich betreue. Eigentlich ging es um etwas ganz anders. Aber von den zwei Stunden haben wir knapp eine über den Anschlag gesprochen. Er sagte, dass auch er jetzt mit anderen Gefühlen in den Bus steigen wird. So etwas geht an niemandem spurlos vorbei.

Herr Kirchner, vielen Dank für das Gespräch.

Astrid Dörner ist Korrespondentin in New York.
Astrid Dörner
Handelsblatt / Deskchefin Agenda

Kommentare zu " Mentalcoach Kirchner zu BVB-Anschlag: „So etwas geht an niemandem spurlos vorbei“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%