Nach den glanzlosen Auftritten
Das brasilianische Volk ist enttäuscht

Während Brasiliens Nationalcoach Carlos Alberto Parreira nach zwei Siegen mit seiner "Selecao" vollends zufrieden ist, herrscht in Brasilien wenig Freude über die spielerisch mäßigen Auftritte von Ronaldinho und Co.

Der Wertschätzung ihres Cheftrainers können sich die Spieler der "Selecao" gewiss sein, aber bei den Fans in ihrem Heimatland verspielen sie immer mehr Kredit. Die glanzlosen Auftritte des "magischen Quartetts" sind für Brasiliens Nationaltrainer aber kein Grund zur Sorge, solange die Ergebnisse stimmen. "Bei einer WM ist der Sieg die Show", erklärte der 63-Jährige, der mit der Selecao schon vor dem abschließenden Gruppenspiel am Donnerstag (21.00 Uhr) in Dortmund gegen Japan nach den dürftigen Vorstellungen gegen Kroatien (1:0) und Australien (2:0) das Ticket für das WM-Achtelfinale sicher hat.

Ein Spiel mit vielen Zauberkunststücken wäre laut Parreira nur möglich, "wenn wir uns vorher mit dem Gegner einigen, dass die Begegnung nicht zähle". Als Beispiel nannte der Weltmeister-Coach von 1994 das schon traditionelle Benefizspiel am Jahresende zwischen den Freunden der beiden Real-Madrid-Stars Ronaldo und Zinedine Zidane, wo der Spaß im Vordergrund steht.

Das Volk ist unzufrieden, der Präsident ist nervös

Das sehen vor allem die Fans in Brasilien anders. Trotz der beiden Siege und der erfolgreichen Qualifikation für das Achtelfinale herrscht im Land des fünfmaligen Weltmeisters ein Stimmungstief. Die Enttäuschung über die dürftigen Auftritte von Ronaldinho und Co. ist allerorts spürbar: keine Autokorsos, stockender Fanartikel-Verkauf und ein angespannter Präsident.

"Ich war schon lange nicht mehr so nervös", kommentierte Staatsoberhaupt Luiz Inacio Lula da Silva im eigenen Radioprogramm die 90-minütige Zitterpartie gegen die "Aussies". Der bekennende Anhänger des brasilianischen Meisters Corinthians Sao Paulo demonstriert dann aber den Politikern eigenen Berufsoptimismus. "Ich hatte den Eindruck, dass den Spielern ein Licht aufgegangen ist, und dass sich das Team jetzt verbessern wird", sprach Lula zum Volk.

Doch seinen Untertanen scheint der Glaube an die "Selecao" ein wenig abhanden gekommen zu sein. "Zwischen dem ersten und zweiten Spiel ist bei mir der Verkauf von Nationaltrikots um 50 Prozent zurückgegangen", klagte Ronaldo Marcal, der einen Stand mit grün-gelben Fanartikeln hat. "Ich glaube, die Leute haben schon ein wenig die Illusion verloren", ergänzt Fatima Goes vom benachbarten Straßenkiosk.

Feiermeile in Rio bleibt spärlich besucht

In Rio de Janeiro ist die Rua Alzira Brandao im Tijuca-Viertel seit der WM 1978 bei Spielen der "Selecao" Treffpunkt Nummer eins für Cariocas. Die Veranstalter rechneten im Vorfeld mit gut 40 000 Besuchern pro Spiel. Am Sonntag kamen gerade einmal 10 000 Fans auf die Feiermeile und erst bei den Samba-Shows nach der Begegnung richtig in Fahrt.

"Seit vielen Wochen freuen wir uns nun schon auf die WM, und dann kommen diese Trauerspiele", schimpft der Steuerberater Adamo da Cruz Barbosa, der sich wie viele seiner Landsleute das Gesicht, wie in der Landesflagge, blau angemalt und mit weißen Sternen gepunktet hat. Siege allein zählen halt nicht, die Brasilianer erwarten das Spektakel.

© SID

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