„Reichstrainer Nerz hetzte gegen Juden“
NACHGEFRAGT: ARTHUR HEINRICH

Arthur Heinrich ist Politikwissenschaftler, Historiker und Autor mehrerer Bücher zum Thema "Fußball unterm Hakenkreuz".

Herr Heinrich, Volkswagen, die Deutsche Bank oder Bertelsmann – viele deutsche Unternehmen haben es vorgemacht. Der Deutsche Fußball-Bund will nun mit dem Buch „Fußball unterm Hakenkreuz“ die eigene Vergangenheit aufklären. Warum erst jetzt?

Die Aufarbeitung seiner Vergangenheit hat der DFB mit gehöriger Verspätung in Auftrag gegeben. Zwei Gründe dürften ihn bewogen haben, sich dazu durchzuringen: Die kritische Beschäftigung mit dem Verband ist zwar nicht völlig neu, die Sportgeschichtsschreibung kennt dafür einige Beispiele, aber in den vergangenen Jahren thematisierten immer mehr Publikationen die gesellschaftspolitische Verantwortung des DFB. Das hat die Fußball-Oberen weich gemacht. Darüber hinaus wird das jetzt vorgestellte „Gutachten“ ganz sicher als Image-Pflege mit Blick auf die bevorstehende Weltmeisterschaft im eigenen Land betrachtet.

Der Autor beschreibt, dass die meisten DFB-Funktionäre keine politischen Interessen verfolgt hätten. Reicht es, wenn er die Ereignisse zwischen 1933 und 1945 lediglich mit wirtschaftlichen und finanziellen Interessen des Verbandes erklärt?

Den DFB als ein modernes Großunternehmen darzustellen, dem das wirtschaftliche Wohlergehen und Gedeihen über alles gegangen sei, hat den Vorteil, dass politische Ausrichtung und Wertekanon seiner Repräsentanten als irrelevant oder zumindest nachgeordnet abgetan werden können. Dadurch muss das Gesamtbild des DFB während des Nationalsozialismus allerdings lückenhaft ausfallen. Der mit entscheidende Punkt, nämlich die Tatsache, dass die durchweg erzkonservativen Fußballvertreter mit ihrer deutschnationalen Einstellung und ihren Vorbehalten gegen die Weimarer Demokratie keine Grenze nach rechts kannten, fällt dadurch unter den Tisch. Es gab jede Menge Berührungspunkte zu den Nationalsozialisten.

Können Sie Beispiele nennen?

Der DFB wie auch diverse Nationalspieler riefen bei Volksabstimmungen und „Wahlen“ dazu auf, die Stimme dem Führer zu geben. Reichstrainer Nerz hetzte in diversen Zeitungsartikeln gegen Juden. Und DFB-Präsident Linnemann war als Kriminalrat an der Verfolgung und Deportation der Sinti und Roma beteiligt, ein Schreibtischtäter. Günther Riebow, Hauptrechtswart des DFB in der Nazizeit, war Kriegsgerichtsrat, gehörte also zur Spezies der „furchtbaren Juristen“, auch wenn es unter denen Schlimmere gab. Die Liste ließe sich ausbauen.

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