Schweinsteiger Matchwinner gegen Iberer
Die Nacht der großen Gefühle

Rosamunde Pilcher hätte es sich nicht herzerweichender ausdenken können. Der Abschied der deutschen Fußball-Nationalmannschaft von der Heim-WM geriet in Stuttgart zu einer Mischung aus triumphalem Auszug siegreicher Gladiatoren und Momenten großer Gefühle. Dass dabei auch noch ein 3:1 (0:0)-Sieg gegen Portugal und damit der dritte Platz für die DFB-Auswahl heraussprang, war fast schon Nebensache.

STUTTGART. Oliver Kahn machte ihn noch einmal, den "Torwart-Titan", der ihn 2002 weltberühmt gemacht hatte. Weltklasse sein Paraden während der 90 Minuten, etwa gegen Deco oder den abgefälschten Freistoß von Cristiano Ronaldo. Und als der Schlusspfiff ertönte, reckte der 37-Jährige zuerst kurz die Arme in den Stuttgarter Abendhimmel, sank dann zu Boden und setzte sich schließlich für einen Moment ganz still in seine Strafraum - so als wolle er der ganzen Fußball-Welt sagen "Das war?s." Einige Minuten später offenbarte er als ersten seinen Teamkollegen das, womit eigentlich eh alle gerechnet hatten: Oliver Kahn, der durch seine Ausbootung wenige Wochen vor der WM gedemütigte beste WM-Torhüter des Jahres 2002, der sich dennoch auf die deutsche Bank gesetzt und damit Sympathiepunkte wie in seinem ganzen Leben zuvor nicht gesammelt hatte, macht Schluss in der Nationalmannschaft.

Während Kahn, bei seinem letzten Auftritt auf internationaler Bühne wegen der Verletzung von Michael Ballack sogar noch einmal als Kapitän auf dem Platz, inmitten von 52 000 außer Rand und Band feiernden Fans und irgendwie dennoch für einen Moment ganz allein war, ließen sich seine Mannschaftskameraden bereits feiern. Wobei feiern eigentlich eine viel zu zuürückhaltende Beschreibung dessen ist, was sich nach dem Abpfiff im Stuttgarter Gottlieb-Daimler-Stadion abspielte. Bis weit eine halbe Stunde nach dem Abpfiff blieben die Ränge prall gefüllt, keiner verließ seinen Platz - und auch den Spielern fiel es schwer, sich von dieser Atmosphäre, bei der man fast das Gefühl hatte, gleich muss doch jemand diesen kleinen goldenen Weltmeister-Pokal noch irgendwo hervorzaubern, zu lösen.

Es war die Nacht der großen Gefühle. Für Oliver Kahn, der mit einer Weltklasseleistung Abschied nahm vom Trikot mit dem Adler auf der Brust. Für Jens Lehmann, der anschließend auf seinen Dauerkontrahenten zuging und ihm ebenso ehrlich gratulierte wie der es zuvor in Viertel- und Halbfinale getan hatte. Für das "magische Quartett" Bundestrainer Jürgen Klinsmann, Assistent Joachim Löw , Torwartcoach Andreas Köpke und Teammanager Oliver Bierhoff, die Architekten des WM-Erfolgs, die während der Ehrenrunde der Mannschaft minutenlang Arm in Arm im Mittelkreis standen und ausgelassen wie Kinder um die Wette hüpften. Für Bastian Schweinsteiger, den zweieinhalbfachen Torschützen und "Man o the Match". Für die ganze Mannschaft, die noch einmal alles gegeben und dafür mit Platz drei und Zuneigungsbekundungen der außergewöhnlichen Art ihrer Anhänger belohnt wirde. Und natürlich auch für die Fans, von denen viele mit Tränen der Freude und der Rührung über den Augenblick in den Augen das Stadion verließen.

"Ich war schon mal im Champions-League-Finale, aber was ich hier erlebt habe, ist schon genial", zeigte sich Jens Nowotny, der kurz vor dem Anpfiff für Robert Huth in die Mannschaft gerückt war, weil dieser sich beim Aufwärmen verletzt hatte, sichtlich bewegt. Und selbst Kahn, der in seinem Fußballerleben alles erreicht hat außer einem großen Titel mit der Nationalmannschaft war beeindruckt: "Die Stimmung war überwältigend. Man muss sich mal überlegen, was gewesen wäre, wenn wir Weltmeister geworden wären. Es war einer der größten, wenn nicht der größte emotionale Moment, an den ich mich erinnern kann." Und der richtige Moment, den Schlussstrich in der DFB-Auswahl zu ziehe: "Das war heute mein letztes Länderspiel - und ein schöneres letztes Länderspiel kann man sich kaum wünschen. Es war eine schöne Zeit, aber man muss wissen, wann es vorbei ist", sagte der Torwart vom deutschen Meister Bayern München.

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