Sportstadt Hamburg
Wenn die Flamingo-Falle zuschnappt

Sponsoren kehren Hamburger Sportklubs den Rücken – jedenfalls denen, die nichts mit Fußball zu tun haben. Drei Profiteams mussten bereits aufgeben. Und auch beim Hamburger SV sieht es mehr als bedenklich aus.

HamburgWie stets zu Fußball-Welt- und Europameisterschaften werden im Nivea-Haus am Hamburger Jungfernstieg in Zusammenarbeit mit dem „Hamburger Abendblatt“ so genannte „Jogi-Trikots“ unters Volk gebracht. Und im Rest der Republik erhalten das Leibchen alle Kunden, die Nivea-Produkte im Wert von mindestens zwölf Euro erstanden haben. Schließlich ist Nivea „strategischer Partner“ des DFB.

In der Hamburger Wirtschaft hat nicht nur Beiersdorf ein Herz für den Fußball. Als mit dem Autokonzern Kia der Sponsor des Hamburger EM-Festes auf dem Heiligengeistfeld ausfiel, sprang kurzfristig die Discounter-Kette Lidl in die Bresche. Und Klaus-Michael Kühne, Hauptgesellschafter des Logistik-Dienstleisters Kühne und Nagel, ist mit Haut und Haaren dem Hamburger SV verfallen. Gerade erst hat der Unternehmer dem Fußball-Bundesligisten einen weiteren Kredit in Höhe von angeblich 50 Millionen Euro gewährt. Er hatte zuvor bereits über Darlehen und Beteiligungen rund 70 Millionen Euro in den Verein gepumpt.

Doch jenseits des Fußballs sieht es mau aus: Im Mai schockte die Mitteilung die Hansestadt, dass sich das Profi-Eishockey-Team der Hamburg Freezers auflöst, weil sein Besitzer, die amerikanische Anschutz Entertainment Group (AEG), es nicht mehr unterstützen mag. Zuvor hatten sich bereits der Bundesligist HSV Handball sowie das VT Aurubis Hamburg, das in der Damen-Volleyball-Bundesliga spielte, vom Spielbetrieb abmelden müssen, weil ihre Sponsoren das Weite suchten. Und die Hamburg Cyclassics findet diesen August womöglich das letzte Mal statt, weil der Energiekonzern Vattenfall das traditionsreiche Radrennen nicht länger unterstützt.

Unter Sportfunktionären und Sportpolitikern wächst die Einsicht, dass es zwischen den finanziellen Problemen der Hamburger Eishockeyspieler, Handballer, Volleyballerinnen und Radrennfahrer sowie der ungebrochenen Begeisterung der Sponsoren für den Fußball womöglich einen Zusammenhang gibt: Der Präsident des Hamburger Sportbundes (HSB) Jürgen Mantell beklagt, dass der Fußball die öffentlich Wahrnehmung und die Sportprogramme der TV-Sender dominiere. Er sieht darin einen Grund dafür, dass Proficlubs anderer Disziplinen Schwierigkeiten haben, Sponsoren zu finden. Für Unternehmen sei es wenig reizvoll, sich bei Sportarten zu engagieren, deren Wettkämpfe kaum wahrgenommen würden. Hamburgs Sportstaatsrat Christoph Holstein sieht es ähnlich: „Vielleicht wäre das VT Aurubis Hamburg noch erstklassig, wenn die Medien mehr Volleyball übertragen hätten.“

Das Phänomen kennt man nicht nur in Hamburg: In Stuttgart wird bereits seit Ende letzten Jahres über die Gründung eines Sponsorenpools diskutiert, der Vereine und Veranstaltungen fördert, die mit Fußball nichts zu tun haben. Der Hamburger Senat beschäftigt sich ebenfalls mit dieser Idee, die allerdings nicht unumstritten ist. Edeka-CEO Markus Mosa lehnt sie ab, weil man bei einem solchen Pool „nicht genau weiß, was man für sein eingesetztes Geld bekommt“. Der ehemalige Tennisprofi Michael Stich, heute Direktor des Tennisturniers am Hamburger Rothenbaum, hat angeregt, „dass die Handelskammer alle ihre Partnerunternehmen verpflichtet, einen festen Betrag für den Sport zu spenden“. Auch hier kam sofort Widerspruch. Die Kammer „kann und will die Unternehmen nicht auf eine bestimmte Marketingstrategie verpflichten“, sagte deren Geschäftsleiterin Sport Christine Beine dem Handelsblatt.

Es ist aber keineswegs unmöglich, namhafte Summen für Profi-Sportarten jenseits des Fußballs aufzubringen. Auch nicht in Hamburg: Als am 18. Mai bekannt wurde, dass die AEG sich von den Freezers zurückziehen, sammelten deren Spieler Christoph Schubert und der Hamburger Hockey-Olympiasieger Moritz Fürste in nur sechs Tagen bei Unternehmen und Privatleuten 1,2 Millionen Euro ein. Das reichte zwar nicht um das Eishockey-Team zu retten, das angeblich 2,5 Millionen Euro Verlust pro Saison einfährt. Immerhin aber wurde Fürste vom für Sport zuständigen Hamburger Innensenator Andy Grote empfangen. Es war kein für die Öffentlichkeit bestimmter Termin. Der Senat fahndet derzeit fieberhaft nach Konzepten, wie man Sponsoren für Hamburger Sportclubs gewinnen kann. Der Regierung des Stadtstaats wird von der Lokalpresse vorgeworfen, nach dem Scheitern der Hamburger Olympia-Bewerbung zu wenig für den Sport zu tun.

Das „Hamburger Abendblatts“ führt die Sponsorenmisere gar auf die Ablehnung Olympischer Spiele in Hamburg durch die Bürger der Stadt im November 2015 zurück: „Das alles wäre mit großer Wahrscheinlichkeit nicht passiert, wenn Hamburg noch den Status eines Olympia-Kandidaten hätte“, schrieb die Zeitung. Belegen lässt sich diese These jedoch nicht. Ganz im Gegenteil: Ob HSV Handball, VT Aurubis Hamburg, Freezers Hamburg oder die Hamburg Cyclassics – in allen vier Fällen hatten die Sponsoren schon lange vor dem Olympia-Referendum ihren Rückzug beschlossen.

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