Überschwenglicher Jubel in Frankreich
"Zidane war der absolute Zauberer dieses Spiels"

Während sich Brasilien nach der 0:1-Viertelfinal-Pleite gegen Frankreich im Schockzustand befand, feierte die "Equipe Tricolore" ausgelassen. Vor allem Zinedine Zidane wurde überschwenglich gefeiert.

Die entzauberten Samba-Fußballer standen nach der 0:1-Viertelfinal-Niederlage gegen Frankreich am Pranger und die brasilianischen Akteure befanden sich im Schockzustand: Ronaldinho ließ sich von Torschütze Thierry Henry trösten, Ronaldo flüchtete mit leerem Blick in die Katakomben, und der Ex-Münchner Ze Roberto weinte hemmungslos. Bei den Franzosen knallten hingegen nach dem 1:0 (0:0)-Triumph die Champagner-Korken und vor allem Zinedine Zidane wurde als genialer Spielmacher gefeiert.

"Ich weiß nicht, was in den Köpfen der Spieler vorgegangen ist. Das Spiel war so wichtig, und dann sehen drei Spieler tatenlos zu, wie Henry das Tor macht", sagte Brasiliens Fußball-Idol Pele und ging nach dem erneuten Trauma gegen "Les Bleus" mit den Versagern hart ins Gericht: "Frankreich war besser als Mannschaft, viel besser als Brasilien."

Brasilianische Presse kritisiert fehlenden Willen

Von den Medien im eigenen Land wurde das wie apathisch wirkende Starensemble nach der ersten WM-Pleite seit dem Finale am 12. Juli 1998 (0:3) gegen die Equipe Tricolore förmlich zerrissen. Von "einer der größten Tragödie im brasilianischen Fußball" sprach die Zeitung Estadao Sao Paulo, und die Gazeta Esportiva befand: "Der Superfavorit verabschiedet sich ohne Pokal, Show oder Rekorde." O Globo sah die "Geschichte des fünfmaligen Weltmeisters befleckt", die Zeitung Lance bemängelte beim Rekordweltmeister: "Talent reicht nicht aus. Es muss auch der Wille da sein."

Das sah auch WM-Organisationschef Franz Beckenbauer so. "Fünf bis zehn gute Minuten pro Spiel mögen gegen andere Mannschaften reichen, sind aber gegen Frankreich zu wenig. Das haben die Spieler bitter erfahren müssen", meinte der deutsche Fußball-Kaiser: "Die Qualität ist ja da, aber der Einzelne macht halt keine Mannschaft aus."

Einige Spieler zeigten sich hingegen nur bedingt kritikfähig - allen voran Ronaldo. "So ist der Fußball - mal gewinnst du, mal verlierst du", sagte der mit 15 Treffern beste WM-Torjäger aller Zeiten lapidar und fügte trotz der enttäuschenden Vorstellung mit vollem Ernst hinzu: "Wir haben alles gegeben, wir sind trotzdem eine Generation von Siegern."

Für viele der goldenen Generation war es indes ein bitterer Abgang von der WM-Bühne. Ob der 29 Jahre alte Ronaldo bei der WM in vier Jahren in Südafrika noch einmal dabei sein wird, ist mehr als fraglich. Für Kapitän Cafu, Roberto Carlos, Emerson und auch Ze Roberto wird es wohl der letzte WM-Auftritt gewesen sein.

Ronaldinho gibt sich kämpferisch

Zumindest der ebenfalls weit unter Form agierende Ronaldinho gab sich nach der Schmach von Frankfurt kämpferisch. "Wir sind alle sehr niedergeschlagen. Aber jetzt denken wir an die WM 2010. Da wollen wir es besser machen", verkündete der Weltfußballer, der vor 48 000 Zuschauern in der ausverkauften Frankfurter WM-Arena deutlich im Schatten von Zidane stand. Trost bekamen Ronaldinho und Co. nach Spielende in einem Telefonat von Staatspräsident Luiz Inacio Lula da Silva.

Die Fans, die sich im Anhangabau-Park von Sao Paulo oder auf der Festmeile Alzirao von Rio de Janeiro für eine Party gerüstet hatten, trugen indes Trauer. Die Anhänger im Stadion hatten den Schuldigen schnell ausgemacht: Nationaltrainer Carlos Alberto Parreira wurde als "Dummkopf" beschimpft.

Der 63-Jährige nahm die Beschimpfungen wie die gescheiterte Titelmission aber äußerlich gelassen. "So ist das eben in Brasilien", meinte Parreira, dessen Rücktritt als sicher gilt: "Wenn wir gewinnen, liegt das am großen Talent der Spieler. Wenn wir verlieren, ist es die Schuld des Trainers. Aber die Sonne wird weiter scheinen, und die Nächte bleiben voller Sterne."

In Frankreich reifen nach dem Treffer von Henry (57.) vor den Augen von Staatspräsident Jacques Chirac unterdessen die Träume vom zweiten WM-Titel nach 1998. Die Fans auf den Straßen übten schon mal den deutschen Schlachtruf "Börlin, Börlin - wir fahrön nach Börlin" und feierten vor allem ihren Zizou.

"Nun wollen wir ins Finale kommen. Es ist so wunderschön, dass wir einfach nicht aufhören wollen", sagte der 34-Jährige, der wie zu besten Zeiten brilliert und das Tor von Henry vorbereitet hatte. "Er war der brasilianischste von allen", meinte Verbands-Präsident Jean-Pierre Escalettes, der vor dem Halbfinale am Mittwoch in München gegen Portugal nun fest an den erneuten Titel glaubt: "Wer so weit gekommen ist, kann auch Weltmeister werden."

Zidane durfte sich unterdessen noch über ein Sonderlob von Pele freuen. "Zidane war der absolute Zauberer dieses Spiels", erklärte der dreimalige Weltmeister. Das konnte Pele von seinen Landsleuten nicht behaupten.

© SID

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