Wettskandal
Italiens Fußball im Abseits

In Italien tobte schon im Sommer ein neuer Wettskandal. Er traf nicht nur das Image des italienischen Fußballs. Die finanziell angeschlagenen Vereine müssen mit weniger Einnahmen rechnen - und mit einer Sammelklage.
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MailandBestechung von Spielern und Wettgewinne in Millionenhöhe – Italiens Fußball hatte bereits im vergangenen Jahr pünktlich zur EM seinen Korruptionsskandal. Insgesamt 19 Spieler hatte die Staatsanwaltschaft zum Teil im Trainingslager vorübergehend festnehmen lassen - darunter auch den Nationalspieler Domenico Criscito, den Kollegen des deutschen Nationalspielers Miroslav Klose. Zuletzt war sogar der National-Torhüter Gianluigi Buffon in die Schlagzeilen geraten: in einem Wettbüro in Parma hatten die Staatsanwälte insgesamt 14 Schecks des Juve-Spielers in Höhe von 1,5 Millionen Euro gefunden. „In den Tagen im Trainingslager wurde über alles mögliche gesprochen, nur nicht über Fußball. Das ist nicht normal“, sagte der Trainer der Azzurri Cesare Prandelli gegenüber dem Corriere della Sera.

Nicht nur die Moral war am Boden, auch wirtschaftlich ist es seither schlecht gestellt um den „Calcio“. Die Finanzen der Vereine könnte der Skandal hart treffen. „Noch ist es schwer, den Schaden des Wettskandals zu quantifizieren. Aber es besteht die Gefahr eines Teufelskreises“, sagte der auf Sport spezialisierte Ökonom Fausto Panunzi von der Mailänder Wirtschaftsuniversität Bocconi damals.

Für die Clubs besteht nach Ansicht des Professoren langfristig das Risiko, dass sie Fans verlieren und damit Einnahmen aus den Eintrittskarten, Fernsehrechten und Merchandising. Außerdem könnten die Sponsoren abspringen, weil sie nicht mit Spielern in assoziiert werden wollen, die vor Gericht müssen. Auch die Einnahmen aus den internationalen TV-Rechten könnten einbrechen, weil die Sender im Ausland nicht die Spiele aus einem Land bringen wollen, das für Betrug steht.

„Diese Einbrüche bei den Einnahmen könnten dann dazu führen, dass die Vereine weniger Geld haben, um sich am internationalen Markt gute Spieler zu kaufen. Das wiederum führt erneut zu einem geringeren Interesse der Fans und damit wieder zu weniger Einnahmen und damit beginnt der Teufelskreis von vorne“, erklärt Panunzi den Mechanismus.

Als Italien im Jahr 2006 der Skandal rund um den Sportmanager Luciano Moggi und den Turiner Profi-Club Juventus ausbrach, musste Juventus in die zweite Liga – die Serie B. Auch Juventus sei damals gezwungen gewesen, gute Spieler zu verkaufen und habe drei bis vier Jahre gebraucht, um wieder zu alten Höhen zurückzufinden, erinnert der Ökonom Panunzi.

Dass die Einnahmen nach Betrugsfällen einbrechen, zeigt auch eine Studie von Tito Boeri, Gründer der renommierten Ökonomen-Plattform Lavoce.info: Er hat die Zahl der Stadionbesucher in den vier Jahren vor und nach dem damaligen Skandal verglichen. Das Ergebnis: bei den involvierten Clubs brachen die Besucherzahlen um ein Viertel ein, bei den anderen kaum.

Direkte finanzielle Folgen könnte auch die Sammelklage haben, die derzeit der italienische Verbraucherverband Codacons vorantreibt. „Unserer Ziel ist es, den Tifosi und denen, die auf die manipulierten Spiele gewettet haben, nicht nur ihren Einsatz, die Kosten für Eintrittsgelder, Fernseh-Abos, Anreisen usw. zurückzuerstatten, sondern auch den moralischen Schaden dafür, dass sie den guten Glauben der Fans verraten haben“, erklärt der Präsident der Codacons Carlo Rienzi. Codacons will bis zu 1000 Euro Entschädigung pro Person verlangen. Insgesamt schätzt der Verbraucherverband den Schaden der Fans auf 80 Millionen Euro bis 100 Millionen Euro.

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Verbraucherverband droht mit Sammelklage

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