WM-Kommentar
Kommentar: Auch als Verlierer ein Gewinner

Aus der Traum. Fabio Grosso traf in der 119. Minute ganz Fußball-Deutschland mitten ins Herz. Italien schlüpfte jubelnd im Halbfinale von Dortmund in die Rolle des Partykillers. Das stimmt für den Augenblick traurig. Doch allzu lange sollte man sich dem deprimierenden Gefühl des Scheiterns nicht hingeben.

Aus der Traum. Fabio Grosso traf in der 119. Minute ganz Fußball-Deutschland mitten ins Herz. Auf den Tag genau 52 Jahre nach dem "Wunder von Bern" sollte eigentlich das "Wunder von Dortmund" folgen, um das große Ziel, das Endspiel in Berlin mit dem WM-Titel als krönenden Abschluss, Wirklichkeit werden zu lassen. Es folgte nicht. Italien, bei großen Turnieren eh so etwas wie der Angstgegner der Deutschen, schlüpfte jubelnd in die Rolle des Partykillers.

Das stimmt für den Augenblick traurig. Doch allzu lange sollte man sich dem deprimierenden Gefühl des Scheiterns nicht hingeben. Denn die deutsche Mannschaft, von Jürgen Klinsmann und Joachim Löw klug und mit viel Fingerspitzengefühl zusammengestellt, hat bei diesem Turnier alles getan - nur nicht enttäuscht. Sie hat voller Hingabe und Leidenschaft gespielt, Kampfgeist und unbändigem Siegeswillen gezeigt, ist von Spiel zu Spiel mehr über sich hinaus gewachsen. Sie hat sich neue, verloren geglaubte Sympathien zurückerobert und Millionen Menschen wieder für den Fußball begeistert. Sie hat gezeigt, was man mit Teamgeist schaffen kann, wie der schier unerschütterliche Glaube an die eigenen Stärken Berge versetzen kann. Und sie hat auf herausragende Weise für ein neues Wir-Gefühl in unserem Land gesorgt. Kurzum: Sie hat zwar das Halbfinale verloren und gehört trotzdem zu den großen Gewinnern dieser WM.

Genau wie Deutschland als Ganzes. Unser Land hat sich seit der Eröffnungsfeier in München den Gästen von allen Kontinenten dies Planeten weltoffen, herzlich und alles andere emotionslos präsentiert. Es hat mit vielen Vorurteilen aufgeräumt und ein neues, freundliches Bild von sich selbst in die Welt vermittelt.

Hoffen wir, dass Deutschland nun auch nach dem Aus der DFB-Auswahl bleibt, was es in den vergangenen vier Wochen war: Gastgeber guter Freunde. Das wäre mehr wert als der Triumph in Berlin am 9. Juli.

Marc Renner  Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Marc Renner
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