Zu Gast im Land des Lächelns
Der WM-Kommentar: Schon viel erreicht

Drei Spiele – drei Siege. Die ganze Republik steht Kopf, feiert die „Klinsmannschaft“. Besser konnte die Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land nicht laufen für die Deutschen. Wer dennoch glaubt, dass noch nichts gewonnen ist, der irrt.

Drei Spiele - drei Siege. Die ganze Republik steht Kopf, feiert die "Klinsmannschaft". Besser konnte die Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land nicht laufen für die Deutschen. Das Achtelfinale ist souverän erreicht, nun geht es gegen Schweden. Allerdings: Das Überstehen der Vorrunde war auch das Mindeste, was Fußball-Deutschland erwarten konnte. Wirklich gewonnen ist also noch nichts. Oder?!

Wenn man allein in schnöden Ergebniskategorien denkt, sicher nicht. Doch das wäre zu kurz gegriffen.

Da wäre zum einen die sportliche Seite. Auch wenn es in der Vorrunde nicht gerade gegen die Teams ging, die ernsthaft mit dem Ziel "Titelgewinn" angereist sein dürften - die deutsche Mannschaft hat gezeigt, dass man wieder mit ihr rechnen muss. Durch die Art und Weise, wie sie die drei Siege eingefahren hat, hat sie sich neuen Respekt in der Fußball-Welt erarbeitet: Gegen Costa Rica gab es zum Start zwar ein kultviertes Abwehrchaos, aber spektakulären Offensivfußball. Gegen Polen zeigte sie Leidenschaft und Hingabe in elektrisierender Atmosphäre. Und der Sieg gegen zugegeben zurückhaltende Ecuador war ein Erfolg des neuen Selbstbewusstseins und gewachsener spielerischer und taktischer Reife. Denn auch gegen eine B-Elf zu gewinnen ist für eine deutsche Mannschaft nicht selbstverständlich - siehe das Aus bei der Euro 2000 (0:3 gegen Portugal) und der Euro 2004 (1:2 gegen Tschechen). Alles zusammen lässt darauf hoffen, dass es auch gegen Schweden zum Weiterkommen reicht.

Und das ist die gesellschaftliche Seite. Die Siege der DFB-Auswahl haben eine unglaubliche Euphorie im Lande entfacht, die wie etwa beim Spiel gegen die Polen in Dortmund bisweilen sogar in Hysterie ausartet. Positive, freundliche und fröhliche Hysterie wohlgemerkt. Die Deutschen haben eine Art des Nationalstolzes wiederentdeckt, wie er positiver kaum sein könnte. Es ist wieder angesagt, ins Stadion zu gehen und sich von der Begeisterung einfangen, anstecken und treiben zu lassen. Für alle Bevölkerungsschichten.

Auch deshalb hat die WM dem ganzen Land ein Lächeln auf das Gesicht gezaubert. Ein Lächeln, das die Millionen von Gästen aus aller Herren Länder beeindruckt, das ein neues Bild vom steifen Deutschland zeichnet, das ihnen das Gefühl gibt: Ja, in Deutschland ist die Welt wirklich zu Gast bei Freunden.

Marc Renner  Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Marc Renner
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