Motorsport in England
Sehr konservativ, sehr exzentrisch

Ein Stillleben in Grün: Drei Mechaniker beugen sich über einen Rennwagen, alles liebevoll aus einer Buchsbaum-Gruppe geschnitten. Das gärtnerische Kunstwerk schmückt den Eingang zum Konferenzzentrum des Formel-1-Teams Williams in Grove bei Oxford.

LONDON. Drinnen in dem Glaswürfel stehen, stimmungsvoll beleuchtet, die echten Rennwagen aus 28 Jahren. Tradition und Technologie, Detailgenauigkeit und Exzentrik – das seltsame Ensemble illustriert das Wesen der britischen Motorsportindustrie, die sich hier, zwischen London und Birmingham, ballt.

„Motorsport Valley“ hat der Branchenverband MIA die Region in unvermeidlicher Anlehnung an das „Silicon Valley“ getauft. Auch wenn das hier kein Tal ist, sondern die typische sanfte, waldlose Hügellandschaft Mittelenglands. Nirgends auf der Welt gibt es so viele Formel-1-Teams, nirgends eine solche Konzentration von hoch spezialisierten Zulieferern, Tunern, Schraubern und Kleinserien-Herstellern. 2 500 Unternehmen mit 50 000 Beschäftigten und sieben bis acht Milliarden Euro Umsatz, sagt der Verband. Kein Wunder, dass die Gegend am Wochenende kollektiv Richtung Bahrain geblickt hat, wo die neue Formel-1-Saison soeben begonnen hat.

Doch die Motorsportbranche ist keine wie jede andere. Gerade in England steckt sie voller verrückter Geschichten von Gründern, die mit wenig mehr als ihrer Begeisterung anfingen und heute im Zentrum einer globalen Unterhaltungsindustrie stehen.

Sir Frank Williams ist einer von ihnen. Jung vom Rennsportvirus infiziert, spart er sich seinen ersten gebrauchten Rennwagen zusammen, schraubt daran herum und fährt Rennen. Ohne großen Erfolg allerdings, und so gründet er 1966 ein Rennteam, das er zeitweise vom Münztelefon aus managt. 1978 schließt er sich mit Patrick Head zusammen und gründet den Formel-1-Rennstall, der bis heute eine feste Größe im Geschäft ist. 1986 hat Williams einen schweren Unfall mit einem Mietwagen, seither ist er querschnittgelähmt. Doch er kompensiert seine Behinderung mit verdoppeltem Einsatz: Gerade mal drei freie Tage im Jahr gönnt sich der heute 63-Jährige.

Mit eisernem Willen führt er die Firma vom Rollstuhl aus. Mit leiser Stimme, aber scharfer Zunge kommentiert er die Motorsportszene und schlürft mit einem Strohhalm an einer Tasse Kaffee. „Unsere Branche wackelt ein bisschen“, widerspricht er lächelnd dem offiziellen Bild, „die meisten Motoren für die Formel 1 kommen heute vom Kontinent.“ Auch der Nachwuchs macht ihm Sorgen: „Leider bröckelt die Ingenieursbasis. Die jungen Leute glauben fälschlicherweise, dass das kein anspruchsvoller Beruf ist, und gehen lieber in den Finanzsektor.“

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