American Football
Wenn ein Sport das Gehirn schädigt

Schädel-Hirn-Traumata sind seit einigen Jahren als großes Problem im Football anerkannt. Bisher galten schwere Zusammenstöße als Hauptrisiko. Eine Studie legt nahe, dass alle Profis ihre Hirne dauerhaft schädigen.
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New YorkBennet Omalu ist nicht im Geringsten überrascht davon, was die Arbeit seiner Kollegin Ann McKee in dieser Woche zutage gefördert hat. „Ich behaupte schon seit Jahren, dass mehr als 90 Prozent der Football-Profis in der NFL an dem Hirntrauma CTE leiden“, sagt der nigerianisch-stämmige Neurologe, der als Entdecker des degenerativen Leidens gilt.

Als Pathologe im Regierungsbezirk von Pittsburgh nahm Omalu im Jahr 2002 eine Obduktion des Football-Spielers Mike Webster vor, der vor seinem Tod an schweren, quälenden psychischen Störungen litt. Omalu fand bei Webster Symptome von Chronischer Traumatischer Enzephalopathie. Seither kämpft Omalu unerbittlich darum, den Zusammenhang zwischen dem Football-Sport und der Krankheit zu beweisen.

Die in dieser Woche von der Bostoner Neuropathologin Ann Kee veröffentliche Studie ist der bislang stichhaltigste Beweis dafür, dass der Vollkontaktsport Football beinahe unweigerlich zu bleibenden Hirnschäden führt. Kee hat die Gehirne von 177 verstorbenen Footballspielern untersucht. 87 Prozent davon wiesen Symptome von CTE auf. Von denn 111 Gehirnen ehemaliger NFL Profis waren 110 von CTE befallen. „Es kann kein Gegenstand der Diskussion mehr sein, ob es ein Problem im Football-Sport gibt“, kommentierte Kee ihre Forschung. „Es gibt ein Problem.“ Das Risiko von Langzeitschäden für das Gehirn im Football-Sport liege „bei 100 Prozent“.

Da fügt es sich ins Bild, dass unmittelbar nach den neuesten Erkenntnissen Center John Urschel von den Baltimore Ravens erklärte, seine aktive Karriere beenden zu wollen – mit nur 26 Jahren. Der Kanadier ist Mathematik-Doktorand am Massachusetts Institute of Technology (MIT), Insidern zufolge bangte er angesichts der Studie um sein wertvollstes Körperteil: das Hirn. Die Liga selbst wollte unterdessen trotz der überwältigenden Evidenz, noch immer nicht die volle Tragweite des Problems anerkennen. In einer ausweichenden Stellungnahme, sagte Liga-Sprecher Brian McCarthy, man „unterstütze voll die wertvolle Arbeit von Dr. Kee.“ Doch die Studie lasse “zahlreiche Fragen über Ursachen, Häufigkeit und Langzeitfolgen von Hirn-Traumata“ unbeantwortet.

Zweifellos spielte McCarthy auf den einen großen Schwachpunkt der Studie an. Die Gehirne, die McKee untersuchte, stammten sämtlich von Spendern. Die Angehörigen der verstorbenen Spieler hatten demzufolge einen begründeten Verdacht, die Besitzer der Gehirne müssen zu Lebzeiten bereits mit Symptomen gerungen haben.
Das schmälert die Wertigkeit der Untersuchung jedoch kaum. So sagte Chris Nowinski, Gründer und Direktor der Concussion Legacy Foundation, einer Stiftung die sich um Spätfolgen von Hirn-Traumata kümmert, dass dies „die größte und methodisch gründlichste Studie aller Zeiten über Athleten mit der Diagnose CTE“ sei. Sie beweise eindeutig, dass die Krankheit unter Football-Spielern „deutlich weiter verbreitet sei, als bisher angenommen.“

Dave Zirin, Sport-Kolumnist der politischen Wochenzeitschrift The Nation, geht gar so weit zu behaupten, die Studie bedrohe den Profi-Football als Ganzen. Seine Meinung stützt Zirin nicht nur auf die erschütternden Prozentzahlen der Erkrankungen unter Spielern. Für noch weitaus bedenklicher hält Zirin die durchgängige Erkrankung von Spielern auf sämtlichen Feldpositionen.

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Medizinische Forschung wurde diskreditiert

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