Eisschnelllauf National
Pechstein: "Werde nicht in Euphorie verfallen"

Claudia Pechstein darf nach einem Urteil in der Schweiz beim Weltcup in Salt Lake City starten. Nun will sie sich für Olympia qualifizieren, dämpft aber auch die Erwartungen.

Claudia Pechsteins Antrag auf eine Starterlaubnis beim Weltcup in Salt Lake City am kommenden Wochenende wurde vom Schweizer Bundesgericht stattgegeben. Nun spricht die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin im Interview über ihre Gefühlslage nach dem Urteil und ihre Chancen auf einen Start bei den Olympischen Spielen in Vancouver im Februar 2010.

Frage: "Claudia Pechstein, wie fühlen Sie sich nach der gerichtlich verfügten Starterlaubnis für den Eisschnelllauf-Weltcup an diesem Wochenende in Salt Lake City?"

Claudia Pechstein: "Für mich ist diese Startmöglichkeit eine kleine Genugtuung, denn ich habe nichts getan und deshalb immer noch gehofft, dass es so kommen wird. Aber ich werde jetzt auch nicht in Euphorie verfallen oder Luftsprünge machen, weil es erst einmal nur dieser eine Start ist."

Frage: "Wie haben Sie am Dienstagvormittag von der Entscheidung erfahren?"

Pechstein: "Als mein Anwalt mir auf dem Weg zum Training am Telefon sagte, dass ich starten darf, habe ich zuerst überlegt, ob er das ernst meint. Dann habe ich mich gefreut und gesagt: Ist ja geil. Nach zehn Monaten war das endlich die erste positive Nachricht, der erste kleine Sieg."

Frage: "Überwiegt die Erleichterung den angestauten Frust?"

Pechstein: "In der Kabine habe ich Radio gehört und da wurde die normale Musik unterbrochen. Da hieß es dann, es gäbe eine Sensationsmeldung von mir. Da war ich ganz für mich alleine und dann ist schon eine Träne gekullert. Mir ist eine richtige Last von den Schulter gefallen. Aber in mir ist auch eine Menge Frust. Ich bin sauer auf viele Leute. Ich hoffe, dass ich diese Aggressivität in Salt Lake City auf die Bahn bringen kann."

Frage: "Wie sehen Sie nach den Ereignissen der letzten Monate ihre Chance auf die sportliche Qualifikation für die Olympischen Winterspiele im kommenden Februar in Vancouver?"

Pechstein: "Man kann von mir jetzt nicht Großes erwarten. Ich habe zehn Monate lang unter unglaublicher nervlicher Anspannung trainieren müssen. Ich will mich für Olympia qualifizieren. Ich habe nur diese eine Chance, und die will ich nutzen. Sollte ich Weltrekord laufen, hieße es eh gleich wieder, ich sei ja doch gedopt."

Frage: "Seit Februar haben Sie keine Wettkämpfe bestritten, wie werden Sie den Wettkampf angehen?"

Pechstein: "Ich bin ja schon etwas älter und habe einiges an Erfahrung gesammelt. Die werde ich ausspielen und das Rennen klug einteilen. Ich werde aber erst auf der Bahn sehen, wie das Gefühl ist."

Frage: "Es gilt noch abzuwarten, ob die Starterlaubnis nur für die 3000m gilt, für die der Antrag gestellt wurde. Kämen auch andere Strecken in Frage?"

Pechstein: "Möglich wären auch die 1 500, 1000m oder der Team-Wettbewerb. Aber dazu müssen wir auf das O.K. des Bundesgerichtes warten. Die 3000m sind meine Hauptstrecke und auf die freue ich mich am meisten.

Frage: "Was glauben Sie, wie werden die anderen Athleten in Salt Lake City reagieren?"

Pechstein: "Auf die Gesichter bin ich gespannt. Ich habe im Scherz gesagt, ich sollte vielleicht eine Fotokamera mitnehmen. Aber andererseits werde ich mich auf mich konzentrieren. Es gab ja während der ganzen Zeit gemischte Reaktionen, darüber habe ich mir meine eigene Meinung gebildet, die ich für mich behalte."

Frage: "Ihnen steht am Mittwoch die stressige Anreise bevor, das Rennen ist am Freitag. Wie werden Sie das bewältigen?"

Pechstein: "Ich steige einfach in meinen Privatjet. (lacht) Mir blieb keine Zeit für die üblichen zehn Tage lange Anpassung für die Höhe und die Zeitumstellung. Ich hoffe, dass ich noch einen ordentlichen Platz im Flieger bekomme und einigermaßen entspannt ankomme."

Frage: "Gehen Sie von der Unterstützung des Verbandes, beispielsweise auch bei der Unterkunft, aus?"

Pechstein: "Das ging alles so schnell, aber irgendwo werde ich schon unterkommen. Zur Not nehme ich mir einen Schlafsack mit. (lacht) Nein, ich denke, dass ich im Teamhotel unterkommen werde. Was die Unterstützung angeht: Die Runden muss am Ende jeder allein laufen."

Frage: "Sollte das Schweizer Bundesgericht das Urteil aufheben, dann nicht aus inhaltlichen, sondern aus Verfahrensgründen - was werden Sie dann tun, um die Öffentlichkeit von ihrer Unschuld zu überzeugen?"

Pechstein: "Wenn der Urteilsspruch aufgehoben wird, bin ich schon sehr glücklich. Ich stehe weiter für Kontrollen zur Verfügung. Aber irgendwann muss auch mal Schluss sein. Ich habe kaum noch eine Privatsphäre, die ganze Welt kennt meine Blutwerte."

© SID

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