Es geschah auch, dass erst der 20. Elfmeter ein Spiel entschied
Wildenten und Großkopferte

Eigentlich dürfte man dieses Stadion nur mit Frack und Zylinder betreten", befand ehrfürchtig Franz Beckenbauer. Das Flutlicht strahlte so hell im funkelnagelneuen Olympiastadion, dass die "Süddeutsche Zeitung" ihren Lesern empfahl, zur nächtlichen Premiere eine Sonnenbrille aufzusetzen.

MÜNCHEN. Beckenbauer lief zum Länderspiel gegen die UdSSR dann doch im Fußball-Outfit ein. Gerd Müller zündete seine gefürchteten Torschüsse, vier Mal müllerte es am 26. Mai 1972, beim 4:1-Sieg über die UdSSR. Nach 32 Jahren ohne Länderspiel hatte München wieder eine Fußball-Arena von internationaler Dimension. Ein Stadion, das für die Olympischen Spiele 1972 erbaut worden war.

Was Müller nicht wusste, sondern nur zwei Dutzend Eingeweihte: In der neuen Arena hatten andere schon vor ihm getroffen. Bei der Premiere vor der Premiere waren Münchner Sportjournalisten Wochen zuvor an einem Samstagmorgen klammheimlich auf dem jungfräulichen Rasen gegen ein Schwabinger Kneipenteam namens Säge am Ball gewesen.

Bayern-Präsident Wilhelm Neudecker erwirkte eine Sondergenehmigung für das letzte Bundesligaspiel der Saison am 28. Juni 1972. Der FC Bayern besiegte den FC Schalke 04 5:1, 80 000 Fans sorgten für die erste Einnahme-Million der Klubgeschichte beim dritten Titelgewinn. Bis zum Abschied aus dem Olympiastadion wurden es 19 deutsche Meisterschaften. Es war der Anfang einer endlichen Erfolgsgeschichte. Das Spiel der Bayern gegen den 1. FC Nürnberg am Samstag, das mutmaßlich letzte im Olympiastadion vor dem Umzug in die Allianz Arena, ist die 1 120. Fußballveranstaltung. Sie werden dann 776 Mal in der Arena gekickt haben, in der sie reich und berühmt geworden sind.

Im Sommer war es angenehm und luftig im Olympiastadion. Im Frühling und Herbst kühl und windig, im Winter saukalt und bisweilen stürmisch. Drinnen immer zehn Grad kälter als draußen, eine meteorologische Besonderheit. Quälend für den Ischias die gesäß-unfreundlichen grünen Schalensitze und die kalten Füße auf dem Betonboden. Gewiss, Sitzkissen helfen. Aber wohin damit, wenn für die Journalisten nach dem Schlusspfiff die Jagd auf die Fußballer los brach? Es war ratsam, einen dicken Anzeigenteil mitzubringen, den dicken Packen Stellenanzeigen unter den Allerwertesten, den Rest als Unterlage für die Füße. Später reichte das nicht mehr für die Isolierung, weil das Anzeigengeschäft kränkelte.

Die warmen Decken haben sie an der frierenden Journaille vorbei in die Ehrenloge getragen. Haha, wir hier unten, ihr da oben. Aber wenn der Wind Regen oder Schnee unters Zeltdach trieb, kam der Augenblick der Rache. Wir hier oben, ihr da unten. Die Loge liegt tiefer als der Pressebereich, die Großkopferten wurden zuerst nass.

Rauschende Fußballfeste sind im Olympiastadion gefeiert worden. 1974 spielte der später Bayern-Manager Uli Hoeneß im WM-Finale, Gerd Müller und Paul Breitner trafen für die weltmeisterliche bundesdeutsche Mannschaft. 1988 bezwangen die Niederlande im Finale der EM die UdSSR 2:0. Auch so manches eher marginale Vorkommnis ist im Gedächtnis haften geblieben. Etwa wie der Maier Sepp nach einer über den Rasen watschelnden Wildente hechtet. Oder der Auftritt des Metzger Schorsch. Umgesäbelt von Herward Koppenhöfer im Zweitliga-Spiel gegen Mainz 05, zog der Sechziger dem verdutzen Schiedsrichter Haselberger die Gelbe Karte aus der Brusttasche und verwarnte den Übeltäter. Der Unparteiische fand die Selbstjustiz gar nicht komisch und schickte Metzger duschen.

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