Kaum ein Team ging ans Limit
Aussteigen, um anzukommen

Die neuen Regeln führen in der Formel 1 schon beim ersten Rennen in Melbourne zu ungewöhnlichen taktischen Manövern.

MELBOURNE. Die letzte Runde des Großen Preises von Australien bot einen Ausblick auf den künftigen Verlauf der Formel-1-Saison. Während Giancarlo Fisichella im Renault dem Sieg entgegenfuhr, erhielten Jenson Button und Takuma Sato einen Funkspruch. Sein Inhalt führte dazu, dass die beiden BAR-Honda-Piloten nach fast 56 Runden in Melbourne nicht über die Ziellinie fuhren, sondern an die Box abbogen. Weder Button noch Sato hatten Chancen auf WM-Punkte, deswegen legte das Team den beiden Fahrern dieses Verhalten nahe. Weil sie das Rennen offiziell nicht beendet haben, dürfen sie nun beim nächsten Grand Prix mit einem neuen Motor starten.

Das war die offensichtlichste Auswirkung des neuen Formel-1-Reglements, das der Automobil-Weltverband (Fia) eingeführt hat. Es verbietet Reifenwechsel im Rennen und schreibt vor, dass Motoren zum Zwecke der Kostenersparnis jetzt zwei Rennwochenenden lang halten müssen. Wer den Motor dennoch wechselt, verliert zehn Startplätze im folgenden Rennen - es sei denn, der Fahrer ist nicht ins Ziel gekommen. Dies führte auch dazu, dass die Wagen in Melbourne am Freitag zum Frust der Zuschauer viel zu selten fuhren. Die Teams wollten die Motoren für den Großen Preis von Malaysia in zwei Wochen schonen.

Beim Rennen in Sepang werden Temperaturen von 35 Grad in der Luft und bis zu 50 Grad auf dem Asphalt erwartet. Eine Tortur für Fahrer und Triebwerke. "Jeder Motorenhersteller hat in Australien mit einem Auge schon nach Malaysia geschielt", sagte BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen. Deshalb erfolgten auch die "taktischen Ausfälle" gegen Rennende. Selbst die Fahrer, die um Punkte kämpften, gingen nicht ans Limit. Juan-Pablo Montoya trug seinen McLaren-Mercedes im letzten Renndrittel förmlich ins Ziel, nachdem seine Chancen auf einen Podestplatz durch einen Ausrutscher sowieso dahin waren.

Ein paar Sorgen macht man sich dagegen bei Renault. Zwar war Giancarlo Fisichella so locker vorne weg gefahren, dass er nie an die Grenzen gehen musste. Fernando Alonso aber strapazierte bei seiner Aufholjagd vom 13. Startplatz bis auf Rang drei sein Triebwerk gewaltig: Bei Renault gibt es einen Spezialknopf, mit dem die Fahrer das Drehzahllimit kurzfristig überschreiten können, um mehr Leistung zu bekommen. In den letzten sechs Runden, bei dem Versuch, Ferrari-Pilot Rubens Barrichello vom zweiten Platz zu verdrängen, benutzte er ihn praktisch ununterbrochen. Das könnte ihn die Zielankunft in Malaysia kosten.

Eine weitere Lücke des Regelwerks hat der Technische Koordinator bei BMW-Williams, Patrick Head, entdeckt: Er schlug vor, alle Teams sollten sich auf einen Motorenwechsel nach dem Rennen einigen. "Dann muss jeder zehn Plätze zurück, und am Ende bleibt alles, wie es war." Dieser Fall wird wohl kaum eintreten: In der Formel 1 haben sich schließlich noch nie alle auf irgendetwas einigen können.

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