Leichtathletik EM
"Unser System ist, kein System zu haben"

Das System fehlt, trotzdem sind die Schweden in der Leichtathletik erfolgreicher als die Konkurrenz. Jetzt will sich das Gastgeberland bei der am Montag startenden EM in Göteborg mit "sieben" Medaillen beweisen.

In Schweden ist schon seit langem die Leichtathletik-Euphorie ausgebrochen. Lange bevor am Montag in Göteborg die Europameisterschaften (7.-13. August) beginnt. Die Sportart erlebt in Schweden einen Boom, basierend auf den Erfolgen der nationalen Stars. Das Verblüffende: Die Schweden sind ohne System erfolgreicher als die Konkurrenz und ein Paradebeispiel für Effizienz. Mit Mini-Mannschaften lagen sie bei den letzten Großereignissen im Medaillenspiegel stets weit vor Deutschland.

Bei Olympia 2004 in Athen wurden die Skandinavier mit drei Goldmedaillen durch Siebenkampf-Star Carolina Klüft, Dreispringer Christian Olsson und Hochspringer Stefan Holm gar Vierte hinter den Großmächten USA, Russland und Großbritannien. Die Auswahl des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) musste dagegen mit Rang 24 (0/2/0) vorlieb nehmen. Dabei war das deutsche Aufgebot mit 79 Athleten rund sechsmal so groß wie das der "Tre Kronor" (13).

"Unser System ist, kein System zu haben", erklärt Johan Storakers, ehemaliger Sprecher des Schwedischen Leichtathletik-Verbandes und jetzt Mitarbeiter des EM-Organisationskomitees. Und Per Crona vom regionalen Leichtathletik-Verband in Göteborg sagt: "Eure Strukturen in Deutschland sind viel besser als unsere."

Erfolgsgeschichte ist Ergebnis eines effektiven Förderprogramms

Die schwedische Erfolgsgeschichte ist vor allem Ergebnis eines freilich längst ausgelaufenen, aber effektiven Förderprogramms, der Arbeit erfolgshungriger Trainer und der Vorbildwirkung der Stars. Crona: "Ausgangspunkt der Entwicklung war Patrik Sjöberg. Er hat bewiesen, dass man auch als schwedischer Leichtathlet und ohne Doping der Weltbeste werden kann." Der Hochspringer, mit 2,42m aus dem Jahr 1987 immer noch Europarekordler, gewann bei drei Olympischen Spielen in Folge Edelmetall (1984 und 1992 Silber, 1988 Bronze) und wurde 1987 Weltmeister.

Anlässlich der Heim-WM 1995 in Göteborg legte Schweden dann ein Förderprogramm für die Leichtatletik auf. Jungen Athleten wurden Mentoren zur Seite gestellt. "80 Prozent der damals Geförderten haben heute eine internationale Medaille bei den Aktiven gewonnen", erzählt Crona. Zu den Erfolgreichen zählen unter anderem Klüft und Holm, Hochsprung-Weltmeisterin Kajsa Bergqvist und der ehemalige Stabhochsprung-WM-Dritte Patrik Kristiansson.

Leichtathletik ist in Umfragen unter den neun Mill. Einwohnern des Landes mittlerweile auf Augenhöhe mit den traditionellen schwedischen Sportarten Fußball, Eishockey und Handball. Besonders spürbar sei der Boom alljährlich während der Großereignisse. "Dann klingelt bei uns ständig das Telefon", berichtet Crona: "Eltern rufen an, um ihre Kinder anzumelden." Die Vereine hätten mittlerweile Probleme, den Ansturm zu bewältigen. Besonders extrem sei es in Växjö, der Heimatstadt von Klüft, wo vor allem Mädchen die Spikes schnüren wollen.

Mit rund 25 Hallen wird dem kalten Winter getrotzt

Und auch die kalten Wintermonate stellten kein Problem mehr dar. "Denn wir verstehen die Leichtathletik mehr und mehr als Indoor-Sportart und haben im ganzen Land rund 25 Hallen", sagt Crona.

Dritter Punkt des schwedischen Erfolgsrezepts sind junge, erfolgshungrige Trainer wie Yannick Tregaro, der unter anderem Bergqvist und Olsson betreut. Er lernte einst bei Sjöbergs Erfolgscoach Viljo Nousiainen. Mit gerade 29 Jahren ist Tregaro kaum älter als seine Athleten: "Ich sage ihnen niemals ihr müsst, sondern will ihnen beibringen, was sie brauchen. Wir inspirieren uns gegenseitig."

Tregaro und andere sorgen auch innerhalb des Nationalteams für die Atmosphäre, die an eine Großfamilie erinnert. "Es ist ein Gemeinschaftsgefühl entstanden, auf dem ein Großteil des Erfolgs basiert", sagt Crona. Und so macht sich der schwedische Teamchef Thomas Engdahl große Hoffnungen für die Heim-EM: "Ich denke, sieben Medaillen sind möglich."

© SID

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