Leichtathletik WM
DLV-Präsident bangt um Anschluss

100 Tage vor Beginn der Leichtathletik-WM in Berlin sieht DLV-Präsident Clemens Prokop für Deutschland im Wettlauf um Welt-Sportereignisse wenig Zukunft.

Die zweite Leichtathletik-WM in Deutschland könnte auf lange Sicht die letzte hierzulande sein. DLV-Präsident Clemens Prokop befürchtet 100 Tage (Donnerstag) vor dem ersten Startschuss der Titelkämpfe in Berlin (15. bis 23. August), dass die deutsche Leichtathletik im Wettlauf um Welt-Sportereignisse den Anschluss verliert.

"Betrachtet man, was Länder und Städte heute investieren, um die WM zu erhalten, dann geht das in Bereiche, die es für die Zukunft schwer machen, noch einmal so eine Veranstaltung in Deutschland zu präsentieren", sagte Prokop im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (SID).

Frank Hensel, in Personalunion Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und Co-Geschäftsführer des WM-OKs, hatte bereits im September vergangenen Jahres im Sportausschuss des Bundestages ein düsteres Bild gezeichnet: "In Zukunft wird es in Europa für solche Veranstaltungen wohl keine Interessenten mehr geben. Die kommen nur noch aus Asien, wohin der Weltverband Iaaf ja verstärkt will. Alle Kosten werden auf die Veranstalter abgewälzt."

Der benötigte Etat hat sich in 16 Jahren verdoppelt

Der Vergleich der Finanzen von Stuttgart 1993 mit Berlin 2009 belegt dies. Kam das WM-OK vor 16 Jahren noch mit einem Etat von 40 Mill. DM (20,5 Mill. Euro) aus, ist heute mehr als das doppelte notwendig (44 Millionen). Der Anteil, der aus Steuermitteln beglichen werden musste, lag 1993 bei 5,9 Mill. DM (3 Mill. Euro). Berlin plant mit einem Landeszuschuss von 20 Mill. Euro - die 6,5-fache Summe von Stuttgart. Hinzu kommen 13, drei Mill. für Stadion und Infrastruktur sowie eine siebenstellige Summe für ein berlinweites Sicherheitskonzept.

"Be happy and pay the deficit" (Seid fröhlich und zahlt das Defizit) hatte der italienische Iaaf-Präsident Primo Nebiolo schon 1993 auf Klagen über die finanzielle Belastung für die Veranstalter geantwortet. Heute, viele Jahre nach seinem Tod, lebt das Motto fort. Vor allem die Iaaf verdient an der WM. 1993 machte auch der DLV noch Gewinn und baute sich davon sein "Haus der Leichtathletik" in Darmstadt. Diese Zeiten sind längst vorbei.

"Die Chancen sind größer als die Lasten"

Trotzdem ist Prokop, der zusammen mit Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit Präsident des WM-OKs ist, von dem Investment in die Titelkämpfe 2009 überzeugt: "Wir wollten die WM, weil wir uns als DLV zusammen mit dem Land Berlin einen deutlich überschießenden Wert von ihr versprechen. Die Chancen sind größer als die Lasten."

Durch die WM werde die Leichtathletik stärker in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerückt, meint Prokop: "Nehmen Sie die 63 Stunden Live-Übertragung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen." Zugleich lobte der Präsident seine Athleten, die bei den Sommerspielen in Peking noch mit nur einmal Bronze enttäuscht hatten: "Derzeit bereiten sich viele mit beispiellosem Aufwand auf die Titelkämpfe vor." Er hoffe, dass die Leichtathletik durch eine erfolgreiche WM die Trendwende schaffe.

Dass der DLV im Gegenzug für Berlins Unterstützung den Verbandssitz in die Hauptstadt verlegen könnte, glaubt Prokop indes nicht, obwohl er persönlich einen solchen Schritt begrüßen würde: "Beim DLV ist das derzeit kein Thema, weil wir eine Immobilie in Darmstadt haben und zum anderen wäre ein Umzug politisch innerhalb des Verbandes nicht durchsetzbar."

© SID

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