Radsport Doping
Doping-Gespenst geistert weiter im Radsport

17 Radprofis stehen wohl im Visier der französischen Anti-Doping-Agentur bei den Nachkontrollen der Tour 2008. In Deutschland steht Linus Gerdemann unter Manipulations-Verdacht.

Der Radsport wird das Doping-Gespenst einfach nicht los. In Deutschland steht ausgerechnet Anti-Doping-Vorkämpfer Linus Gerdemann unter Manipulations-Verdacht, in Frankreich werden bis zu 17 Radprofis von der Anti-Doping-Agentur Afld ins Visier genommen.

Fall Gerdemann bleibt wohl folgenlos

Für Aufregung sorgten die Verdächtigungen gegen Gerdemann, auch wenn der Milram-Kapitän vorerst wohl keine juristischen Folgen wegen seiner T-Mobile-Vergangenheit fürchten muss. Trotzdem fordern Team-Sponsor Nordmilch und der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) den Deutschland-Toursieger von 2008 zur Aufklärung der Sachlage auf, während sich die Experten bei der Interpretation der Blutwerte schwer tun.

Am Sonntag hatte die ARD von auffälligen Blutwerten Gerdemanns und des 2007 zurückgetretenen Jan Ullrich in ihrer T-Mobile-Zeit berichtet, die aus einem von der Universität Hamburg erstellten und von der Freiburger Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebenen Blutgutachten hervorgehen. Dabei handelt es sich offenbar um von den damaligen Teamärzten erstellte Blutwerte der T-Mobile-Profis.

Experten sind sich nicht einig

Diese lassen sich aber im Nachhinein wohl nicht mehr belegen. "Ich halte es für wahrscheinlich, dass das Blut nicht mehr existiert", sagte Hans Joachim Schäfer, Vorsitzender der Untersuchungskommission Freiburg, dem SID: "In meinem Bericht taucht der Name Gerdemann nicht auf. Ich hatte mich um die Ärzte zu kümmern. Ich habe Fakten zusammengetragen und analysiert."

Wie es in dem Bericht der Freiburger Untersuchungskommission weiter heißt, wurden Blutwerten häufig Fantasienamen zugeordnet. Bei den Hämoglobinwerten von Gerdemann war dies offenbar nicht der Fall. "Wenn existierenden Rennfahrern Blutwerte zugeordnet worden sind, spricht viel dafür, dass es auch tatsächlich ihre Blutwerte waren", meinte Schäfer. Eindeutig belegen lässt sich das aber wohl nur, wenn das Blut noch vorhanden wäre.

Hämoglobinschwankungen auffällig

So bleiben die Vorwürfe, und die sind schwerwiegend. Bei Gerdemann ist von Hämoglobinschwankungen zwischen 17,2g% und 14,2g% im Zeitraum von Januar bis Mai 2006 die Rede, bei Ullrich lagen die Werte zwischen 12,2g% im März 1997 und 16g% am 23. Mai 1997. Das gehe "deutlich über die zu erwartenden Schwankungen hinaus", sagt der Hamburger Professor Klaus-Michael Braumann. Unter Experten gelten Schwankungen von bis zu 1g% als normal.

Anders sieht es Klaus Völker, Sportmediziner an der Universität Münster. Derartige Schwankungen könnten Folge eines Infekts oder einer Dehydrierung sein, sagte er den Westfälische Nachrichten. Krank sei er nicht gewesen, hatte Gerdemann der ARD gesagt und jegliche Manipulationen zurückgewiesen. Am Montag wollte sich der gebürtige Münsteraner zu dem Fall nicht mehr äußern. Jan Ullrich verweigerte über seine Anwälte eine Stellungnahme.

Afld nimmt 17 Fahrer ins Visier

Nach einem Bericht der französischen Zeitung Le Monde müssen in diesen Tagen bis zu 17 Radprofis bei den Nachkontrollen der Tour de France 2008 durch die Afld zittern. Am Mittwoch will Afld-Chef Pierre Bordry in Paris Auskunft über die Nachkontrollen geben. Mit Ergebnissen möglicher positiver Fahrer wird noch im Oktober gerechnet.

Zugleich erhebt die Afld Vorürfe gegen den Radsport-Weltverband UCI. Das Team Astana sei bei der Tour 2009 von den UCI-Kontrolleuren bevorzugt behandelt worden, außerdem stelle der Weltverband die Kontrollen von der diesjährigen Rundfahrt zwecks Nachkontrollen nicht zur Verfügung.

Afld stellt UCI-Kontrollen kein gutes Zeugnis aus

Vorab stellte die Afld der UCI aber kein gutes Zeugnis aus. Insbesondere das Astana-Team des späteren Siegers Alberto Contador (Spanien) und des US-Rekordgewinners Lance Armstrong soll von den UCI-Dopingjägern bevorteilt worden sein. So soll dem Rennstall auch bei unangemeldeten Kontrollen mehrfach noch zusätzliche Zeit ohne die obligatorische Aufsicht eingeräumt worden sein, ehe die Fahrer zur Kontrolle antraten.

Das Blatt beruft sich bei seinem Bericht auf einen zehnseitigen Report der Afld für die UCI und die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. "Für manche Teams haben bei der Tour einfach keine unangemeldeten Kontrollen stattgefunden", heißt es.

© SID

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