Radsport Doping
Mafiöses Dopingsystem beim Team Telekom

Laut einer Expertenkommission soll es im Team Telekom von 1995 bis 2006 zu systematischem Doping gekommen sein. Die Sportmediziner Heinrich und Schmid gelten als Hauptverdächtige.

Das Protokoll liest sich wie ein Drehbuch aus Hollywood, ist aber wohl vielmehr die erschreckende Wahrheit über die erfolgreichste Epoche im deutschen Radsport: Basierend auf einem System mafiöser Strukturen war die Erfolgsgeschichte des Teams Telekom nicht mehr als ein großer Doping-Betrug. Die Sportmediziner Lothar Heinrich und Andreas Schmid riskierten bei einer verpatzten Bluttransfusion sogar das Leben von Patrik Sinkewitz. Zudem geraten Andreas Klöden und Matthias Kessler unter dringenden Dopingverdacht.

Die Expertenkommission der Freiburger Uniklinik legte laut des Nachrichtenmagazins Der Spiegel bereits am 16. April seinen 64-seitigen Abschlussbericht vor, eine Veröffentlichung scheiterte bisher an offenen juristischen Fragen. Das Ergebnis: Im Team Telekom und dessen Nachfolger T-Mobile wurde von 1995 bis mindestens 2006 systematisches Doping betrieben. Bisher hatten Schmid und Heinrich lediglich eingeräumt, im strafrechtlich nicht mehr relevanten Zeitraum bis 1999 Dopingmittel verabreicht zu haben.

Zwei Jahre lang untersuchten der Jurist Hans-Joachim Schäfer, der Doping-Forscher Wilhelm Schänzer sowie der Pharmakologe Ulrich Schwabe die Praktiken der beiden Mediziner im Zusammenhang mit dem Ende 2007 aufgelösten Radrennstall. 77 Zeugen wurden angehört, allerdings folgten Rad-Profis wie Jan Ullrich, Kessler, Klöden oder Udo Bölts der Einladung nicht.

Klöden und Kessler des Eigenblutdopings beschuldigt

Seine Brisanz zieht das Dokument vor allem aus dem 2. Juli 2006. Nach der ersten Etappe der Tour de France - Jan Ullrich war kurz zuvor wegen der Enthüllungen um die spanische Dopingaffäre suspendiert worden - sollen Sinkewitz, Klöden und Kessler zum Eigenblutdoping in die Freiburger Uniklinik gefahren sein. Am Steuer des Wagens saß Sinkewitz' Freundin.

Bei Sinkewitz kam es offenbar zu Komplikationen. Das Blut des ersten Beutels klumpte, und auch beim von Schmid eilends angestöpselten zweiten Beutel wollte der rote Lebenssaft nicht so richtig fließen. Offenbar war das Blut bakteriell verunreinigt gewesen oder fehlerhaft abgenommen worden.

Schmid schickte den Profi jedoch ohne Warnungen wieder fort und setzte ihn nach Ansicht der Kommission "besonders verantwortungslos" dem "Risiko schwerster Komplikationen" aus. Sinkewitz hätte einen septischen Schock oder eine Lungenembolie erleiden können, die tödlich hätte enden können.

In diesem Zusammenhang beschuldigt die Kommission die beiden früheren T-Mobile-Fahrer Klöden und Kessler des Eigenblut-Dopings. Beide sollen sich ebenfalls einer Transfusion unterzogen haben. Weder Kessler noch Klöden wollten sich zu den Vorwürfen äußern.

Weltverband UCI verlangt handfeste Beweise

Klöden droht im Fall einer Verurteilung die Aberkennung seiner olympischen Bronzemedaille von Sydney. Von seinem derzeitigen Arbeitgeber hat der Lausitzer erstmal nichts zu befürchten. "Zum jetzigen Stand gibt es keinen Grund für irgendwelche Sanktionen. Es liegen keine Fakten vor. Da macht es keinen Sinn, über mögliche Dinge zu spekulieren", sagte Astana-Sprecher Philippe Maertens dem SID. Auch der Weltverband UCI verlange "etwas Handfestes".

BDR-Präsident Rudolf Scharping meinte: "Wir werden alles daran setzen, dass konkrete Ergebnisse schnell auf den Tisch kommen und den zuständigen Gremien des Schweizer Radsportverbandes, die für die dort ansässigen Klöden und Kessler zuständig sind, sowie dem Weltradsportverband UCI zugestellt werden."

Die beiden Mediziner sollen Atteste gefälscht und Zahlungen verschleiert haben. Hauptlieferant der Dopingmittel war nach Erkenntnissen der Kommission eine Apotheke im Schwarzwald-Städtchen Elzach. Allein 2006 seien zwei Drittel aller Dopingmittel im Wert von fast 21 000 Euro dort bezogen worden. Doch auch die Apothekerin sowie Schmid und Heinrich stellten sich nicht den Fragen der Kommission.

Wollte ein Profi Nachschub haben, genügte eine SMS oder eine E-Mail. Dabei sollen zur Verschleierung nur die Anfangsbuchstaben der Präparate genannt oder Kennwörter benutzt worden sein. Der Code für Epo war beispielsweise "Luft". Bei Sinkewitz soll Schmid einst eine Entzündung der Patellasehne diagnostiziert haben, nur um für den eigentlich kerngesunden Hessen eine Ausnahmegenehmigung für ein Kortisonpräparat zu erhalten.

Ärzte Heinrich und Schmid handelten ohne Mitwisser

Die Kommission kommt zu dem Schluss, dass Heinrich und Schmid an der Uniklinik ohne Mitwisser gehandelt haben. Selbst für eine aktive Rolle des inzwischen verstorbenen früheren Institutsleiters Joseph Keul finden sich keine Belege. Keul hatte öffentlich die Meinung vertreten, dass Epo bei richtiger Anwendung ungefährlich sei.

Zur Verfeinerung des Systems wurden offenbar Gelder des Hauptsponsors Telekom missbraucht. Das Unternehmen hatte unter dem Vorsitz von Keul bereits 1998 den Arbeitskreis "Dopingfreier Sport" gegründet. Konsultierendes Mitglied war Heinrich, und so war es dessen Kollege Schmid, der einen großen Teil der insgesamt fast 800 000 Euro aus Bonn für seine Forschungen erhielt. Diese konnten zur Perfektionierung des Dopingnetzwerkes dienen. Auch Medikamentenlieferungen sollen über das Konto "Dopingfreier Sport" abgerechnet worden sein.

Heinrich und Schmid waren 2007 von der Klinik fristlos entlassen worden. Gegen die Mediziner läuft ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Freiburg, und zudem verlangt das Land Baden-Württemberg die Einnahmen, die sie für die unerlaubte Nebentätigkeit für die Rad-Profis erhielten.

© SID

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