Radsport Tour de France
Schlinge um Ullrich zieht sich zu

Die Indizienkette gegen Jan Ullrich in der spanischen Dopingaffäre scheint nach dem Bericht der Guardia Civil nahezu lückenlos geschlossen. Nach Überzeugung der SZ wird der 32-Jährige "kein Profirennen mehr bestreiten".

Jan Ullrich beteuert seine Unschuld und ist seit einer Woche abgetaucht, doch die Beweislast gegen den Radstar wird immer erdrückender. Die Indizienkette gegen den T-Mobile-Star in der spanischen Dopingaffäre scheint nach dem Bericht der Guardia Civil vom 27. Juni unter dem Aktenzeichen CO.PP.4 293/06 nahezu lückenlos geschlossen, aus dem Spiegel und Süddeutsche Zeitung am Montag neue Auszüge veröffentlichen.

Auch der Ansbacher Spanien-Legionär Jörg Jaksche (Codename "Bella Jorg") ist nach Auffassung der Behörden des Blutdopings überführt.

Codename "Dritte Person"

Ullrich, der "mit Tränen in den Augen" täglich die Tour de France im Fernsehen verfolgt, wird angesichts der enthüllenden Unterlagen laut SZ-Überzeugung "kein Profirennen mehr bestreiten". Der 32-Jährige ging den Ermittlern spätestens ins Netz, als diese ihm den Codenamen "Dritte Person" zuordnen konnten.

Ihn hatte sein sportlicher Leiter Rudy Pevenage in zwei Telefonaten mit Dopingarzt Eufemiano Fuentes benutzt, die von der Polizei abgehört wurden. Diese "dritte Person", die am 18. Mai überraschend das Zeitfahren beim Giro d´Italia gewonnen hatte, wollte am 20. Mai laut Pevenage "mehr haben, auch wenn es nur die Hälfte ist".

Durch beschlagnahmte Notizen (Dokument 32) beim Fuentes-Partner Ignacio Laberta geht die Justiz laut SZ und Spiegel davon aus, dass es sich beim Ullrich-Wunschpaket "Vino, Nino, Ignacio, PCH" um Blut, Wachstumshormone, gentechnisch hergestelltes Insulin (Igf1) und Testosteron handelte. Ein "Jan" hat dafür 2 970 Euro bezahlt.

Eigenblut angeblich viermal deponiert

Außerdem soll "Hijo Rudicio" (Rudis Sohn, ein anderer Codename) viermal Eigenblut bei Fuentes deponiert haben (26. Juli 2004, 18. und 29. September sowie 22. Dezember 2005). Durch die Entnahme steigt die für Höchstleistungen wichtige Zahl der roten Blutkörper im eigenen Kreislauf an. Zum anderen wird das entnommene Blut von Ballaststoffen gereinigt und später dann konzentriert wieder zugeführt. Damit ist eine erhöhte Sauerstoffaufnahme möglich.

Der deutsche Toursieger von 1997 und sein belgischer Vertrauter waren am 30. Juni, einen Tag vor dem Start der Frankreich-Rundfahrt 2006, vom T-Mobile-Rennstall suspendiert und aus dem Aufgebot genommen worden. Kurz zuvor hatte die Teamleitung den 38 Seiten umfassenden Bericht der Guardia Civil erhalten, die am 23. Mai in Madrid die Razzia bei Fuentes und in anderen Labors durchgeführt hatte.

Ullrich dementiert Verbindung zu Fuentes

Trotz der erdrückenden Belege dementierten Ullrich und Pevenage bis zuletzt jede Verbindung zu Fuentes, beide hatten schon zuvor eine entsprechende schriftliche Erklärung abgegeben. Ullrich hat sich in sein Schweizer Domizil in Scherzingen zurückgezogen und lehnt "auf Anraten meiner Anwälte" vorerst jede Stellungnahme ab - auch zur Abgabe eines DNA-Testes, der ihn theoretisch zumindest teilweise entlasten könnte.

Der gebürtige Rostocker meldet sich noch nur über seine Website mit Unschuldsbeteuerungen und Durchhalteparolen zu Wort: "Es ist ein Alptraum, ich habe mit der Sache nichts zu tun, unterstützt mein Team weiter", heißt es dort. Das einstige "Jahrhunderttalent" hatte nach dem vorzeitigen Giro-Ausstieg (kurz nach der Razzia in Madrid) Mitte Juni die Tour de Suisse gewonnen und schien auf dem besten Weg zum zweiten Sieg bei der Tour de France zu sein.

Wie ihm waren die Ermittler auch 57 anderen Fahrern durch Knacken der Codenamen auf die Spur gekommen, so Giro-Sieger Ivan Basso ("Birillo"), dem Giro-Zweiten Jose Gutierrez ("Buffalo"), Ullrichs Teamkollegen Oscar Sevilla - oder Jörg Jaksche. Wie die SZ meldet, wurde der 29-jährige Ansbacher am 14. Mai gefilmt, als er sich mit Fuentes im Zimmer 605 des Madrider Hotels Puerta traf.

Unter diesem Datum fanden sich später auch drei Blutbeutel mit der Aufschrift "Bella Jorg". Jaksche wurde einen Tag vor dem Tour-Start von seinem Astana-Team von der Startliste genommen - wegen einer angeblichen Grippe.

© SID

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