Radsport Tour de France
T-Mobile suspendiert Ullrich und Sevilla

Das Team T-Mobile hat Jan Ullrich und Oscar Sevilla wegen einer möglichen Verwicklung in die spanische Doping-Affäre bis auf weiteres suspendiert. Damit dürfen beide am Samstag nicht bei der 93. Tour de France starten.

Deutschlands Radsport-Idol Jan Ullrich steht nach einer spektakulären "Notbremse" vor den Trümmern seiner Karriere. Einen Tag vor dem Prolog zur 93. Tour de France (1. bis 23. Juli) suspendierte das T-Mobile-Team den 32-Jährigen und strich den Sieger von 1997 als wahrscheinlichen Dopingsünder aus seinem Aufgebot für die Frankreich-Rundfahrt. "Wir haben vor wenigen Minuten per Fax Dokumente der spanischen Justiz erhalten, die uns derzeit keine andere Entscheidung lassen, als ihn aus der Mannschaft zu nehmen", gab T-Mobile-Sprecher Christian Frommert im Golfhotel Kempferhof in Plobsheim vor den Toren Straßburgs bekannt. Ein strahlender Sommertag im Elsaß hatte sich in einen schwarzen Freitag verwandelt.

Auch Sevilla und Pevenage suspendiert

Mit dem Teamkapitän, der auf seiner neunten Tour nach dem Ende der Ära Armstrong endlich den zweiten Triumph feiern wollte, wurden auch der spanische Bergspezialist Oscar Sevilla und der sportliche Leiter und Ullrich-Freund Rudy Pevenage ausgeschlossen. "Uns liegen klare Erkenntnisse vor, dass alle drei Kontakt zum beschuldigten Arzt Eufemio Fuentes hatten. Damit sind begründete Zweifel an ihren schriftlichen Dementis angebracht. Dies macht eine weitere Zusammenarbeit für uns vorerst unmöglich. Wir standen immer für einen sauberen Sport und werden diese Linie nicht verlassen. Natürlich werden wir allen die Chance geben, ihre Unschuld zu beweisen", sagte Frommert.

Eine Stunde, nachdem die Bombe geplatzt war, einigten sich die 21 Teammanager darauf, auch alle anderen Verdächtigen nicht bei der Tour starten zu lassen und sie zudem auch nicht zu ersetzen. Damit werden neben Ullrich auch andere Favoriten wie der Italiener Ivan Basso (CSC), der Spanier Francisco Manchebo (Ag2r) und der Kasache Alexander Winokurow (Astana-Würth) bei der Frankreich-Rundfahrt fehlen.

Astana-Team darf nicht bei Tour starten

Winokurows Team wurde am Freitagabend von den Organisatoren komplett ausgeschlossen, da mit Alberto Contador, Joseba Beloki, Isidro Nozal, Allan Davis und Paulinho fünf Fahrer betroffen sind. Somit hätte der Kasache, der nicht auf der Liste steht, nur noch drei Teamkollegen zur Verfügung gehabt. Das Reglement schreibt aber vor, dass eine Mannschaft mindestens aus sechs Fahrern bestehen muss. Damit gehen bei der Tour nur noch 20 Mannschaften an den Start. Astana-Profi Jörg Jaksche, der ebenfalls zu den verdächtigten Fahrern gehört, hatte bereits im Vorfeld seine Teilnahme an der Tour wegen einer Grippeerkrankung abgesagt.

Bach fordert Ullrich zu DNA-Test auf

Thomas Bach, Präsident des neuen Deutschen Olympischen Sportbundes (Dosb), forderte Jan Ullrich zu einem DNA-Test auf, "im eigenen Interesse und im Interesse des Sports". Erst ein solcher Test könnte endgültig Klarheit bringen. "Wenn das Blut in den Beuteln von Jan ist, wäre er für mich in die Machenschaften verstrickt. Ansonsten würde er als unschuldig gelten", erklärte der Kölner Doping-Jäger Prof. Wilhelm Schänzer.

Das konsequente Vorgehen des Teams T-Mobile fand allgemein Anerkennung. "Das war eine couragierte Geste", sagte Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc. Rudolf Scharping, Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), meinte: "Die Entscheidung ist klar und konsequent. Sie macht deutlich: für einen sauberen Radsport wird gehandelt, gleich, um welchen Namen es im Einzelnen geht."

Mit der gemeinsamen Aktion der 21 Teamchefs wurde zudem eine ähnliche Situation wie 1998 beim ersten großen Tour-Skandal vermieden. Vor acht Jahren war die Rundfahrt ein Spießrutenlauf für alle Beteiligten. Erst Mitte der Tour war dann das Festina-Team um den Franzosen Richard Virenque aus dem Rennen genommen worden.

Am Freitagmorgen um 9.00 Uhr hatte sich der T-Mobile-Mannschaftsbus mit allen neun Fahrern sowie den Betreuern vom Quartier "Au Boeuf" im nahen Blaesheim zur Präsentation in Plobsheim auf den Weg gemacht, als das Team um 9.34 Uhr per Handy vom Sponsor über die Entscheidung informiert und zur Umkehr aufgefordert wurde. Während Pevenage sofort seine Koffer packte und das Hotel innerhalb weniger Minuten verließ, war Ullrich vorerst nicht erreichbar.

"Jan ist leider den falschen Beratern aufgesessen", sagte sein langjähriger Heimtrainer Peter Becker, als ihn die Nachricht in Berlin erreichte: "Ich bin sehr enttäuscht von ihm, denn so etwas hätte er bei seinem Talent und mit harten Training nicht nötig gehabt." Auch Jens Heppner, der beim Team Telekom jahrelang das Zimmer mit Ullrich teilte und dort sein "großer Bruder" war, zeigte sich erschüttert: "Ich bin sehr traurig. Dies ist sportlich und menschlich eine Tragödie. Sie wäre noch schlimmer, wenn Jan unschuldig ist, aber T-Mobile muss handfeste Fakten haben, denn sonst würde ein Sponsor kaum freiwillig auf seinen potenziellen Toursieger verzichten", so der 38-Jährige.

Aldag: "Brutaler Schlag für das ganze Team"

"Das ist ein brutaler Schlag für das ganze Team", meinte Rolf Aldag, der ein Jahrzehnt lang einer der wichtigsten Helfer an Ullrichs Seite war und zu dessen Edeldomestiken beim Tour-Triumph 1997 gehörte: "Das trifft alle hart, die mit Jan fahren oder gefahren sind. Man darf ja nicht vergessen, dass hier Mannschaft ins Rennen geht, die geschlossen an ihn geglaubt hat."

Sollte Ullrich überführt werden, wäre er Wiederholungstäter. Während seiner Auszeit 2002 nach einer Knieoperation war er bei einer Trainingskontrolle der Einnahme von Aufputschmitteln überführt und für sechs Monate gesperrt worden. Damals hatte Telekom seinen Vertrag gekündigt. Der Rostocker wechselte 2003 gemeinsam mit Pevenage über die Zwischenstation Coast zum Team Bianchi. Als er ein Jahr später zu T-Mobile zurückkehrte, erklärte Teamchef Walter Godefroot seinen belgischen Landsmann Pevenage zur "unerwünschten Person". Erst als Ludwig den Rennstall am 1. Januar 2006 übernahm, wurde Pevenage wieder offiziell als sportlicher Leiter eingesetzt.

© SID

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