Stasivorwürfe im Vorfeld der Spiele in Turin
Drei Trainer vor dem Aus

Eine handfeste Klage-Drohung, ein freiwilliger Rückzug und der unbekannte "dritte Mann". Nach der umfangreichsten Stasi-Überprüfung eines deutschen Olympia-Teams seit der Wende hat das NOK kurz vor Beginn der Winterspiele in Turin (10. bis 26. Februar) drei heiße Fälle auf dem Tisch.

HB NEUSS/LEIPZIG. Aufatmen bei den Biathleten, Schock bei den Eiskunstläufern und Ratlosigkeit im Springerlager kennzeichneten die Atmosphäre am Tag nach der Entscheidung des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), drei Betreuer wegen früherer Stasi-Verwicklungen aus der Turin-Mannschaft zu streichen.

"Die Entscheidung des NOK ist nachvollziehbar und formal völlig in Ordnung", sagte der Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, Peter Danckert (SPD), dem sid. In einer allerdings "ausdrücklich persönlichen" Stellungnahme fügte er jedoch hinzu: "16 Jahre nach der Wiedervereinigung muss auch die Frage erlaubt sein, wie lange wir diese Aufarbeitung noch fortführen wollen." Das NOK hatte laut Präsident Klaus Steinbach im Gegensatz zu Athen 2004 die Überprüfung für Turin "eindeutig verschärft".

Während der Verzicht auf Ingo Steuer (Eiskunstlauf) und Henry Glaß (Skispringen) am Donnerstag von den Verbänden bestätigt wurde, erwies sich die Nachricht über die Ausbootung von Biathlon-Coach Harald Böse als falsch. Der Oberhofer, der als Heimtrainer von Katrin Apel und Andrea Henkel eine Schlüsselposition im Team einnimmt, fährt wie vorgesehen zu seinen fünften Spielen seit 1992 und wird dort mit Uwe Müssiggang ein bewährtes Duo bilden.

Die Vorverurteilung von Böse war im Lager der Biathleten auf Empörung gestoßen, die aber bald der Erleichterung Platz machte. "Die Meldungen stimmen nicht. Harald ist am Donnerstag gemeinsam mit Uwe Müssiggang und dem Olympia-Team ins Trainingslager Obertilliach gereist", sagte der Technische Leiter Norbert Baier dem sid.

Wer die Nummer drei unter den Stasi-Fällen ist, bei denen die Konsequenz aus der Überprüfung durch die Birthler-Behörde gezogen wurde, dürfte sich spätestens in der kommenden Woche erweisen. "Das NOK wird weiter keine Namen nennen", sagte Pressechef Michael Schirp, kündigte aber die Veröffentlichung des NOK-Teams für die nächsten Tage an, "sobald die Liste komplett ist". Zuvor müsse man sich mit den betroffenen Verbänden über mögliche Nachmeldungen im Betreuerstab verständigen.

Besonders hart ist die Deutsche Eislauf-Union (DEU) betroffen. "Das ist für uns ein Schock", sagte Sportdirektor Udo Dönsdorf dem sid zum Fall Ingo Steuer. Die DEU bangt um die Medaillenchance für die Paarläufer Aljona Savchenko und Robin Szolkowy, die in Lyon gerade EM-Silber gewannen. Der 39-jährige Steuer räumte zwar gegenüber der Bild-Zeitung Stasi-Kontakte ein, schloss aber auch juristische Schritte nicht aus, um gegen das frühe Ende seiner zweiten Karriere als Trainer zu kämpfen. Möglicherweise wechselt er auch ins Ausland. "Ich kann mir nicht vorstellen, hier weiter arbeiten zu können. Da bleibt vielleicht nur noch das Ausland", sagte der 39-Jährige am Donnerstag im MDR.

Savchenko denkt ihrerseits sogar über einen Olympia-Verzicht nach. "Ich kann und will mir nicht vorstellen, ohne Ingo nach Turin zu fahren. Wenn Ingo nicht dabei ist, bin ich auch nicht dabei", erklärte sie ebenfalls im MDR-Fernsehen. Ihr Partner Robin Szolkowy will nach derzeitigem Stand dagegen bei Olympia antreten: "Wir müssen den Arsch in der Hose haben und jetzt Größe beweisen. Wir sollten Deutschland und der Welt bei Olympia zeigen, dass wir für unseren Trainer laufen."

Als Trainerin der deutschen Meister Savchenko/Szolkowy in Turin sollte Monika Scheibe einspringen. Die Leiterin des Stützpunktes Chemnitz gehört als Trainerin des ebenfalls für Olympia qualifizierten Paares Fitze/Rex ohnehin zum DEU-Betreuerstab. Doch Dönsdorf weiß, dass der Wechsel nicht unproblematisch ist: "Wenn eine solch wichtige Bezugsperson wie der Trainer plötzlich nicht mehr da ist, kann das Auswirkungen haben, besonders psychisch."

Eine gewisse Ratlosigkeit machte sich im Deutschen Skiverband nach dem Fall Henry Glaß breit. "Uns hat die Entwicklung total überrascht", bekannte Teamsprecher Ralph Eder. Der Co-Trainer hatte an der Seite von Reinhard Heß die deutschen Springer bei drei Winterspielen von 1994 bis 2002 betreut und war mehrmals überprüft worden. Er verzichtete nach einer Anhörung vor der NOK-Kommission selbst auf seinen Einsatz in Turin, weil er "nicht die Vorbereitung der Mannschaft durch seinen Fall belasten" wollte. Laut Eder sei seine Entlassung jedoch "derzeit kein Thema".

Fatale Folgen könnten die Stasi-Enthüllungen dagegen für den weiteren Berufsweg Steuers haben. Der Sachse, Weltmeister 1997 und Olympiadritter 1998, ist als Stabsunteroffizier Zeitsoldat, eine vertragliche Bindung mit der DEU besteht nicht. Von Stasi-Kontakten wusste man beim Verband bis zum Mittwoch dieser Woche nichts.

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