Tour de France
Deutsche (Tor)Tour ohne Ertrag

Deutsche Radprofis wie Marcel Kittel mischten in diesem Jahr die Tour auf, aber Medien und Sponsoren im Heimatland sind noch immer im Dornröschenschlaf. Sie haben das Radrennen offenbar abgeschrieben.
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Diese Tour de France war zumindest in den ersten beiden Wochen eine Tour d’Allemagne. Deutsche Profis holten fünf Etappensiege. Neben dem Dreifachsieger Marcel Kittel sicherten sich André Greipel und der Zeitfahrweltmeister Tony Martin je einen Erfolg. Hinzu kommt ein zweiter Platz von John Degenkolb.

Diese Siegesserie ist nicht einmal überraschend. Bei flachen Zeitfahren rechnet inzwischen jedermann mit einem Sieg des Trägers des Regenbogentrikots in dieser Disziplin. „Alles andere als ein Sieg wäre eine Enttäuschung“, hatte auch Martin selbstbewusst erzählt, als er im Schatten der fast 1000jährigen Benediktiner-Abtei auf Mont Saint Michel die Zeiten der Konkurrenz abwartete. Zwar musste er dabei noch kurz bangen, weil ihm der Brite Chris Froome bei den ersten beiden Bestzeiten knapp überlegen war. Auf dem flachen letzten Drittel sorgte Martins Motor aber für den Unterschied. Der Profi des belgischen Teams Omega darf für sich in Anspruch nehmen, der einzige im Feld zu sein, der sich gegen den Tourdominator Froome bei einer Übung durchsetzte, die dieser gern für sich selbst entschieden hätte.

Im Sprint brachte sich André Greipel bereits bei der letzten Tour auf eine Höhe mit dem früheren Seriensieger Mark Cavendish. Beide gewannen damals je drei Etappen, ebenso der Slowake Peter Sagan. Der neue Superstar im Sprint heißt indes Marcel Kittel. Der blonde Hüne stellte mit seinen bislang drei Siegen bei dieser Tour die Dreifachsieger des Vorjahres klar in den Schatten. „Er war schneller als ich und wird das kommende ganz große Ding“, gab sogar Cavendish nach seiner Kopf-an-Kopf-Niederlage bei der 12. Etappe in Tours zu.

Freilich hofft der Brite, dass das noch etwas dauert. Und er selbst tat mit einer überraschenden taktischen Variante am Folgetag einiges, um die allein auf Schnelligkeit beruhende Dominanz Kittels zu erschüttern. Cavendishs Omega-Team zerriss mit Unterstützung heftiger Seitenwinde bereits nach einem Drittel der Etappe das Feld. Argos-Mann Kittel gehörte zu den Abgehängten. Und auch der Lotto-Zug Greipels verlor noch durch eine Unaufmerksamkeit den Anschluss.

Doch solche Coups gelingen selten. Dass Cavendish, viele Jahre der Mann auf der Überholspur, zu solchen Mitteln greifen musste, darf man als Ausdruck seiner Einsicht in die veränderten Kräfteverhältnisse werten.
Die deutschen Erfolge bei dieser Tour haben eine nachhaltige Basis. Greipel und Martin entstammen – wie Cavendish übrigens auch – der Talenteveredelungsabteilung von Team Highroad.

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  • "Wenn der Tour Gewinner Froome Werte am Berg (440 W) bringt wie Armstrong und Ulrich auf ihren Höhepunkt der dopialen Einnahmen. Da kann man ruhig davon ausgehen, dass neue diverse Mittelchen auf den Markt sind. Der Betrug hat auf jeden Fall sich für diese beiden Herren gelohnt. Das wird sich auch Froome sagen."
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    Langsam, langsam, bewiesen ist erst mal gar nichts. Außerdem gab und gibt es Naturbegabungen. Froome ist in Kenia und Südafrika aufgewachsen und große Teile dieser Länder liegen sehr hoch (Der Westen Kenias z.B. auf 1800 m), was den Stoffwechsel prägt. Nicht umsonst kommen aus dem Hochland von Kenia hervorragende Läufer.
    Warten wir's doch einfach mal ab. Der Stab ist schnell über einem Sportler gebrochen. Angesichts der Leistungen wird man ihn besonders scharf überprüfen und den heutigen Analysenmethoden entgeht so schnell nichts. Vielleicht stimmt's ja wirklich, daß es auch saubere Hochleistungsathleten gibt.
    Ich überlege gerade, was passieren würde, wenn ein Sportler aus dem Himalaya, z.B. einer vom Volk der Sherpa, zu sportlichen Meriten käme. Dieses Volk, das seit vielen Generationen auf 3000-5000 Meter Höhe lebt, zeigt einige interessante Anpassungen für große Höhen und Luft mit wenig Sauerstoffgehalt. Vermutlich würden hier auch bei Höchstleistungen alle erst mal prophyllaktisch "Doping" schreien.

  • tja Herr Micha-warum befolgen sie nicht ihren eigenen Rat und schauen besser Fußball- wo die Millioneneinkäufe völlig dopingfrei fit gespritzt werden.
    Übrigens mal in einen Rennradfeld mitgefahren?

  • Der Radsport wurde erfolgreich als Sündenbock etabliert, sodass der Rotfunk ruhigen Gewissens die anderen Sportarten übertragen kann. Leichtathletik-WM in Moskau wird dann der Gipfel der Lächerlichkeit. Währenddessen wird auf heuchlerische Art und Weise ignoriert, dass der Radsport sich verändert hat. Selbst schwere Straftaten verjähren, Täter werden rehabilitiert. Warum kann man nicht auch im Radsport über den eigenen Schatten springen?

    Klar, Aufputschmittel, Anabolika in den 60er, 70er, 80er Jahren gab es - überall! DDR-Schwimmerinnen mit Männerstimmen, erinnert sich da noch jemand dran? Und die 90er Jahre, Anfang der 2000er Jahre waren ohne wenn und aber eine dunkle Zeit für den Radsport. Aber wieviel wurde auch aufgeklärt mittlerweile, mehr als in jedem anderen Sport. Man weiß so gut wie alles. Doch irgendwann muss der Blick auch wieder auf die Zukunft gerichtet werden. Gebt diesen jungen deutschen Fahrern eine Chance. Wenn die besten Klassementfahrer nicht sauber sind, dann muss das isoliert betrachtet und nicht auf den gesamten Sport bezogen werden. Im übrigen deuten die Leistungsdaten am Berg nicht mehr auf (zumindest nicht auf mit früheren Zeiten vergleichbares) Doping hin.

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