Vierschanzentournee
Der Star ist die Schanze

Wenn am Sonntag die 56. Vierschanzentournee beginnt, springt der Österreicher Thomas Morgenstern um alle vier Siege. Deutsche Sprungstars wird man in den kommenden Tagen nur als Schatten vergangener Glanztage sehen. Auch aus diesem Grund steht für Bundestrainer Peter Rohwein viel auf dem Spiel.

OBERSTDORF. Am Tag vor Weihnachten hat es Thomas Morgenstern erwischt. Nach sechs Weltcup-Siegen in Folge sprang der Österreicher in Engelberg erstmals in dieser Saison nicht weiter als seine Konkurrenten. Es war ein sanfter Absturz: Beim Heim-sieg des Schweizers Andreas Küttel landete Morgenstern auf Platz drei. Und dem Hype in seiner Heimat tut der kleine Dämpfer ohnehin keinen Abbruch. Für den 21-Jährigen ist bei der am Sonntag beginnenden Vier-schanzentournee längst die Helden-rolle reserviert. Morgenstern, blon-dierte Steckdosenfrisur, sieht aus, als hätte sich Billy Idol in die Alpen verirrt. Und er sagt Sätze wie: „Ich glaube an meine Träume.“ Bei der Tournee will er alle vier Springen gewinnen.

Dies gelang bisher nur dem Deutschen Sven Hannawald. Sechs Jahre ist das jetzt her, aber es wirkt wie eine halbe Ewigkeit. Bei RTL schauten 15 Millionen Menschen zu, Skispringen galt als sexy, und deutsche Anhänger sorgten für ausverkaufte Stadien in Innsbruck und Bischofshofen. Mittlerweile läuft der Fantransfer umgekehrt. Die deutschen Ausrichterorte Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen hoffen, dass die Österreicher ihre Arenen füllen. Sonst bleiben zu viele Sitze leer.

Die Tournee beginnt und mit ihr das alljährliche Lamento. Warum hat Deutschland keinen Überflieger mehr? Heimische Sprungstars wird man in den kommenden Tagen nur als Schatten vergangener Glanztage sehen (Martin Schmitt ist immer noch dabei) oder als Fernsehexperten. Hannawald analysiert für das ZDF, Dieter Thoma, Tournee-Sieger von 1990, in der ARD. Nur die Öffentlich-rechtlichen wollen sich Skispringen noch leisten. RTL sendet nicht mehr, nachdem die Quote im vergangenen Jahr verglichen mit 2001/02 um zwei Drittel zusammengebrochen ist. Beim Neujahrsspringen in Garmisch wurden so wenige Tickets verkauft wie seit Jahrzehnten nicht. „Wir müssen aufpassen, dass der Skisprungsport nicht im Boden versinkt“, sagt Thoma.

Aber gäbe es nicht die Tournee, hätte sich diese düstere Prognose vielleicht längst bewahrheitet. Die Veranstaltung hat ihren Charme nicht verloren. Und wie immer gilt: Acht Tage, vier Schanzen, viel Mythos. Überdies ist es ja beileibe nicht so, dass Deutschland keinen Star zu bieten hätte – nur ist er aus Stahl. In Partenkirchen haben sie anstelle der alten Olympiaschanze in nur acht Monaten ein neues Monument des Skisprungs errichtet. Der knapp 15 Millionen Euro teure Neubau verfügt als erste Schanze über einen freischwebenden Anlaufturm. Bei der Eröffnung erhielt er von Springern wie Architekturkritikern exzellente Noten.

Und noch aus einem weiteren Grund ist diese 56. Tournee aus deutscher Sicht von besonderem Interesse. Sie entscheidet über die Zukunft von Bundestrainer Peter Rohwein. Rohwein ist ein bisschen das, was Berti Vogts als Nationaltrainer im Fußball war. Erbverwalter einer großen Epoche, in der die Deutschen unter dem Weihnachten im Alter von 62 Jahren verstorbenen Reinhard Heß 21 Medaillen gewonnen haben. Anders als Heß arbeitet Rohwein bis heute glücklos. Aber er ist immer noch da, auch wenn die Deutschen unter seiner Ägide, seit 2004, gerade ein Weltcup-Springen gewonnen haben. Auch wenn immer wieder über seine Ablösung spekuliert wird.

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