Vor der Entscheidung
Dabei sein ist eben doch nicht alles

Tony Blair und Jacques Chirac balgen sich um die Olympischen Spiel 2012: London und Paris gelten vor der heutigen Entscheidung in Singapur als Favoriten. Doch egal, wer von beiden das Rennen macht, ein Sieger steht schon fest: Frankreichs staatlicher Stromriese EdF.

PARIS/LONDON. Kaum in Singapur gelandet, macht sich Tony Blair an die Arbeit. Zwischen 20 und 30 der 116 stimmberechtigten Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) nimmt sich Großbritanniens Premierminister persönlich vor. Die Zeit drängt.

Denn noch vor der Abstimmung über den Austragungsort der Olympischen Spiele 2012 heute in Singapur muss Blair die Arena seinem Erzrivalen Jacques Chirac überlassen, um rechtzeitig im schottischen Golfhotel Gleneagles die Teilnehmer des G8-Gipfels zu begrüßen.

Aus dem Fernduell zwischen den beiden Favoriten London und Paris um Olympia 2012 ist ein persönliches geworden zwischen Blair und Chirac, die in Sachen EU ohnehin seit Wochen miteinander raufen. Es geht um die nationale Ehre. Und es geht um Egos, denn sowohl Blair als auch Chirac stecken in der Krise. Olympia soll ihnen wieder heraushelfen. Nur einer kann gewinnen.

Jacques Chirac setzt seit Monaten auf ganz große Inszenierungen. Auf dem Place de la Concorde, wo sonst die Autoschwärme wie wilde Hornissen über das Kopfsteinpflaster jagen, ließ er Kinder auf zwei Katamaranen in einem 500 Quadratmeter großen Bassin umherdümpeln. Auf den Champs Élysées zieht die französische Goldmedaillengewinnerin Laure Manaudou in einem Becken ihre Bahnen.

Frankreichs Präsident braucht einen Erfolg. Nach dem „Non“ seiner Landsleute beim EU-Referendum hat er sich im Umfragekeller häuslich einrichten müssen – auch weil die Arbeitslosigkeit steigt und das Wachstum schwächelt. In Singapur will Chirac die Trendwende schaffen, wenigstens psychologisch.

Weil es für Chirac ebenso wie für Blair um sehr viel geht, ist der Zwist längst unterhalb die politische Gürtellinie gerutscht. „Das ,Stade de France’ wurde für die Fußball-WM 1998 gebaut und taugt nicht für Leichtathletik-Wettbewerbe“, ätzt Blair-Berater Rod Sheard. „Das ,Stade de France’ hat den Vorzug, dass es bereits existiert“, schießt Bertrand Delanoe zurück, der Nachfolger Chiracs als Bürgermeister von Paris. London muss sein Olympiastadion nämlich erst bauen.

Tony Blair setzt auf Stars. David Beckham mit seiner Frau Posh, Fußballweltmeister Sir Bobby Charlton, Ruderer Sir Steven Redgrave. Prinzessin Anne, selbst einmal Olympiareiterin, sollte sich die Aristokraten im IOC vornehmen. Auch Boris Becker und Nelson Mandela bürgten für London. Königin Elisabeth II. proklamierte: „Ich bin beeindruckt, wie einig das Volk hinter der Bewerbung steht.“ Dabei hatte sie 2003 einem Schulbuben zugeflüstert, bestimmt werde Paris gewinnen.

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