Wer davon träumt, vier Tage im Vollwaschgang zu erleben, der sollte beim Sydney-Hobart-Rennen dabei sein
Der Everest zu Wasser

Andrew Lygo steht auf der hölzernen Terrasse des Cruising Yacht Club of Australia und weist über das Wasser: „Dort hinten liegt Hasso Plattners Jacht.“

Dann springt er mit dem Finger von Mast zu Mast, als wollte er sie zählen und rattert Namen herunter: Farr, Swan, VO60, Bénéteau. Markennamen, die für Segler schöner klingen als Maserati, Lamborghini oder Aston Martin für Autofans.

Die Rushcutter-Bucht ist zugeparkt mit Jachten, die so viel kosten wie ein schmuckes Appartement. Oder ein kleines Mehrfamilienhaus. Die Taue, mit denen die Segeln hochgezogen werden, schlagen an die Masten aus Aluminium oder Kohlefasern, wie Dobermänner, die an ihren Leinen zerren. In wenigen Wochen werden sie losgelassen.

Dann startet das Rolex Sydney Hobart Yacht Race, Untertitel unter Seglern: der Everest zu Wasser. Für Lygo ist es die sechste Besteigung. Der 40-jährige zieht seine Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und schaut nachdenklich aufs Wasser. Er spricht vom Sydney-Hobart wie von einem Segeltörn, doch seine Augen verraten etwas anderes.

Die Geschichte des Rennens liegt 61 Jahre zurück. In den 40er-Jahren wurde der Cruising Yacht Club of Australia, kurz CYCA gegründet, damals als bodenständige Alternative zu den aristokratischen Segelvereinigungen. Wassersportler trafen sich zum Bier und prahlten mit ihren Fähigkeiten. Schließlich wollten die Clubmitglieder wirklich herausfinden, wer der beste Segler ist und segelten am zweiten Weihnachtsfeiertag 1945 von Sydney ins gut 1 000 Kilometer entfernte Hobart. Seither stechen alljährlich am 26. Dezember, also im australischen Hochsommer, rennerfahrene Skipper und hobbysegelnde Amateure in See.

Doch das Rennen ist kein Sommerausflug. Die Bedingungen sind rau, oftmals sogar extrem: Zwischen Australien und der Insel Tasmanien liegt eine Landbrücke, an der Pazifischer und Indischer Ozean aufeinander treffen, die Bass-Straße.

Sie ist im Schnitt nur 70 Meter tief. Kalte Winde aus der Antarktis blasen mit 70 Stundenkilometern – in guten Jahren. In schlechten kann es Schneestürme geben, oder Schlechtwetter-Fronten mit Windstärke zehn. Wellen, die sich über hunderte von Kilometern aufgebaut haben, laufen dann auf und nicht selten brechen sie im flachen Wasser. 10, manchmal 20 Meter hohe Wasserwände spielen dann mit den Jachten Schiffe versenken.

„Für Erfolgreiche ist das Normale langweilig. Sie suchen die Herausforderung“, sagt Lygo und nippt an seinem Victoria Bitter. Er macht die Herausforderung möglich – auch für Menschen, die keine eigene Rennjacht besitzen. Lygo verchartert mit der Firma Getaway Sailing Segelboote und Plätze auf Booten – auch für das legendäre Rennen. Wochen vorher trainiert er mit seinen Kunden alle Handgriffe, zeigt ihnen, wie sie sich in Notsituationen verhalten müssen und wie sie verletzten Crewmitgliedern helfen können. Seit 1999 ist das Pflicht.

Denn ein Jahr zuvor war aus der Regatta eines der tragischsten Rennen der Geschichte geworden. Binnen weniger Stunden hatte sich ein Orkan entwickelt.

Winde fegten mit 150, stellenweise 180 Stundenkilometern über die Meerenge. Sechsstöckige Häuser aus Wasser brachen über den Schiffen zusammen. Leichte Hightech-Segler, aber auch Jahrzehnte lang erprobte Schiffe kenterten. Fünf Jachten sanken, sechs Menschen starben und 55 mussten per Helikopter gerettet werden. Prominentester Überlebender: Oracle-Boss Larry Ellisson.

Eigentlich war er angetreten, um den Streckenrekord seines Erzrivalen – SAP-Chef Hasso Plattner – zu brechen. Am Ende reichte es für ihn und die Crew der Sayonara zwar zum Sieg, die Rekordzeit aber sollte Plattner behalten. Und Ellison war es egal. Noch in Hobart sagte er, nie mehr an dem Rennen teilzunehmen.

Eine überlebensgroße Rolex Uhr dominiert die Terrasse des CYCA, die Schweizer Luxusmarke sponsert das Rennen. Sie macht Gästen und Mitgliedern klar: der Club ist längst keiner für Freizeitsegler mit kleinen Kreuzern mehr, hier herrscht millionenschweres Regattageschäft.

Lygo nippt wieder an seinem Bier und erklärt: „Unsere Kunden verfügen über hohes Eigenkapital.“ Viele seien aber auch Segelfanatiker. So auch Jochen Seifert. Seifert war ein talentierter Regattasegler und schaffte es in den 70er-Jahren bis in den Olympiakader. Im vergangenen Jahr wollte er sich noch einen Traum erfüllen und kam mitsamt seiner Familie zum Syd-Hob, wie es die Australier nennen. Zum Zieleinlauf reichte es nicht, auch 2004 war wieder ein Sturmjahr, 57 Boote mussten aufgeben, 59 kamen durch.

Der Begeisterung fürs Syd-Hob tut das keinen Abbruch. Verunglückte Bergsteiger hält schließlich auch niemand von der Everest-Besteigung ab. Bei Getaway sind für die diesjährige Regatta alle Plätze ausgebucht, Interessenten müssen auf der Warteliste auf ihre Chance hoffen. Ein schwedisches Team hat eine Sydney 38 gechartert, eine der kleinsten Yachten, die teilnehmen.

Andere Enthusiasten haben 5 000 Euro für einen Platz auf einer First 47,7 investiert. Oder fast das Doppelte für ihr Ticket in der Formel 1 des Segelsports hingelegt, einen Volvo Ocean Racer. Die 60 Fuß langen Hightech-Boote arbeiten mit allen Tricks.

Nach der Wende wird Wasserballast von einer Bughälfte in die andere gepumpt, um die Schräglage auszugleichen und noch mehr Segelfläche fahren zu können. Bei den neuesten Modellen wird der Kiel einfach in die Gegenrichtung geschwenkt, was den gleichen Effekt hat, aber einiges an Gewicht spart.

Der Volvo Ocean Racer von Getaway Sailing hat schon geholfen, Segelgeschichte zu schreiben. Es war die Trainings-Jacht des Illbruck-Teams, das 2002 das Volvo Ocean Race gewann. Heute trägt der Rumpf einen DHL-Aufdruck. Der spartanische Ausflug kostet 9 400 Euro, dafür gibt es eine Koje, die eher an eine Hängematte erinnert, Netzeinsätze statt Matratzen, ein kleiner Campingkocher, eine nahezu freistehende Toilette. Knallharte Regatta-Segler sparen an jedem Gramm Gewicht. Da teilen die Teams sich Gemeinschafts-Schlafsäcke, sägen Zahnbürsten ab und stechen mit zwei paar Unterwäsche in See.

Das ist bei Rennen, auf denen Etappen 30 Tage dauern können eine Qual, beim Syd-Hob aber erträglich. Die Rekordhalterin Nokia schaffte die Strecke 1999 an einem Tag, 19 Stunden und 48 Minuten. Und auch Hobbysegler sind selten länger als fünf Tage unterwegs.

Lygo hält sein Bierglas gegen die Sonne, die über dem Hafen steht und sagt: „Niemand muss sein Leben auf hoher See riskieren, um Regattaluft zu schnuppern.“

In Sydney bleibt die Dünung meist auf Gardasee-Niveau. Lygo nimmt Interessierte mit auf Privatregatten. 80 australische Dollar kosten die 3-stündigen Fahrten mit Blick auf die Oper, die Hafenbrücke und Fort Denison. Es wird gegrillt, ein paar Biere getrunken. Der Everest ist das nicht. Aber die Aussicht ist besser als die von einem 20 Meter hohen Wellenkamm.

Das Rolex Sydney Hobart Yacht Race startet am 26.12.2006 um 13 Uhr.

http://rolexsydneyhobart.com

Getaway Sailing verchartert Plätze auf Rennyachten zum Sydney Hobart und anderen Rennen.

http://www.getaway-sailing.com

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