Der Kalkül-Fußballer
Darum tritt Lahm wirklich zurück

Selten hat Philipp Lahm so überrascht. Sein Rücktritt wirft Fragen auf. Wer glaubt, Lahm wolle vom Weltmeistertitel emotional übermannt nun auf dem Höhepunkt abtreten, der liegt falsch. Was sind Lahms Beweggründe?
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NürnbergDamit konnte nun wirklich keiner rechnen. Besonders nicht von ihm. Haben wir uns nicht schon daran gewöhnt, dass uns Philipp Lahm mit Monotonie und Konstanz verwöhnt bzw. langweilt? Seine Leistungen auf und neben dem Platz sind so schwankungsarm, das selbst ein Fehlpass zum Gegner oder gar ein Versprecher in einem Interview nachhaltig irritiert. Diese gelernte Erwartungshaltung des Gewöhnlichen hat er mit der Ankündigung seines Rücktritts nun durchbrochen. In seiner Erklärung gibt er sich kryptisch- und ohne Hinweise auf das „Warum“. Spannenderweise nennt er die Erreichung des WM-Titels als glückliche Fügung, nicht aber als Grund für den Rücktritt. Was steckt also wirklich dahinter?

Schauen wir auf die Persönlichkeit Philipp Lahm, um sein Handeln zu verstehen. Der Sohn eines Fernmeldetechnikers schöpft sein rationales und faktenorientiertes  Urteilsvermögen aus seiner bodenständigen Erziehung. Wer Lahm nach einem Spiel vor Journalisten beobachtet, dem wird schnell klar, dass Lahm nichts aus dem Bauch heraus sagt oder tut. Sein Rücktritt ist ein Spiegelbild dieser stark ausgeprägten Ratio. Wichtiger als der Erfolg im hier und jetzt ist ihm die Verfolgung seiner langfristigen Ziele. In diesem Fall ist ihm sein guter Ruf wichtiger als weitere Erfolge mit der Nationalmannschaft in kommenden Jahren.

Er will, dass man den Nationalmannschaftskapitän Lahm als unangefochtenen Führungsspieler in Erinnerung behält. So ist dieser Rücktritt zum rational bestmöglichen Zeitpunkt ein Meilenstein auf Weg zu seinem angestrebten Markenbild in Köpfen der Deutschen und den Fußballgeschichtsbüchern. Nachdem er Michael Ballack von hinten dabei zuschauen konnte, wie ein verdienter Fußballer über seinen Zenit hinaus geht und damit seinem Ruf schadet, hatte Lahm für sich beschlossen, dass ihm dieses Schicksal nicht widerfahren sollte. Einige Experten mögen sogar behaupten, er hätte Ballack nicht nur beim Fallen zugesehen.

Lahm bedient sich nicht zum ersten Mal der Werkzeuge starker Personenmarken, auch Personal Branding genannt. Schon seine Buchveröffentlichung im Jahr 2011 hat er bewusst zur Profilschärfung eingesetzt. Dabei verfolgte Lahm den Grundsatz das eigene Handeln als nützlich für die Allgemeinheit herauszuarbeiten. Seine Biographie sollte nach seiner Aussage ein größeres Verständnis erzeugen für das heutige Leben eines Fußballprofis. Zeitgleich polierte Lahm berechnend sein Profil als Fußball-Experte und Stratege für die Zeit nach dem Abpfiff seiner Fußballer-Laufbahn.

Dass er kurzfristig durch seine im Buch deutlich gewordene Kritik an aktiven Spielern und Trainern viel Porzellan zerschlug, rangierte er hinter der gezielten Imagebildung durch sein Buch als Ganzes ein.

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Die EM nicht genug für ein Wagnis?

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