WM-Kolumne Doppelpass
Was bleibt von der WM?

Ein begeisterndes Turnier neigt sich dem Ende entgegen. Deutschland und Brasilien scheinen die Rollen getauscht zu haben – hoffentlich bis hin zum Titelgewinn. Klar ist, dass es einen klaren Verlierer gibt: die Fifa.
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Zum vierten Mal hintereinander im Halbfinale einer WM, 28 der letzten 31 Pflichtspiele gewonnen – die Verantwortlichen des DFB waren in den vergangenen Tagen voll des Lobes über die erbrachten Leistungen der deutschen Mannschaft, dabei ist das Turnier noch nicht einmal vorbei. Das Lob haben sich die Spieler und Trainer redlich verdient. Was Rudi Völler, Jürgen Klinsmann und Jogi Löw seit dem Jahr 2000 geschaffen haben, verdient Respekt und Anerkennung. Aber reicht es heute Abend auch gegen eine brasilianische Mannschaft, die alles geben wird? Vielleicht gerade weil sie ohne ihren Stürmerstar Neymar auskommen muss, der im Spiel gegen Kolumbien bitterböse gefoult wurde und nun für den Rest der WM ausfällt. Es bleibt für mich völlig unverständlich, warum es dafür nicht einmal die Gelbe Karte gab.

Nicht umsonst hat Bundestrainer Jogi Löw gestern noch einmal davor gewarnt, durch überhartes Spiel und permanente Fouls die Gesundheit der Spieler sowie die offensive Spielanlage zu gefährden. Die deutsche Mannschaft ist bislang mit den wenigsten Fouls im Turnier ausgekommen. Dabei sollte es auch gegen Brasilien bleiben. Fast könnte man meinen, Deutschland hätte mit Brasilien in den vergangenen Jahren die Rollen getauscht. Den letzten Titel gewannen jedoch die Brasilianer, 2002 in Yokohama. Ihr Gegner im Finale hieß damals Deutschland. Wegen mir könnte der Rollentausch ruhig noch bis Sonntag andauern.

Und wie habe ich in den vergangenen Wochen mitgezittert mit dem Überraschungsteam aus Costa Rica, das mit unglaublich viel Mut und Leidenschaft erst souverän die Gruppenphase überstand und anschließend gar bis ins Viertelfinale vorrückte. Besonders auch die Torhüter haben mich in diesem Turnier begeistert. Ob Guillermo Ochoa aus Mexiko, Tim Howard aus den USA oder Claudio Bravo aus Chile – sie standen bei dieser WM wie eine echte Nummer eins im Tor und haben die Fans mit unglaublichen Leistungen begeistert. Aber auch die Trainer standen dem in nichts nach. Wer kannte vor Turnierbeginn schon Miguel Herrera, den Trainer der mexikanischen Nationalmannschaft, oder Jorge Sampaoli aus Chile? Sie haben ihre Mannschaften nicht nur taktisch brillant eingestellt, sondern auch ganz persönlich die Herzen der Fans erobert. Sportlich ist es für mich also eine WM der großen Entdeckungen.

Doch gehen wir auch noch einmal zurück zu den Anfängen. Die Begeisterung 2007 bei der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft an Brasilien wich, je näher die Weltmeisterschaft rückte, einer immer größeren Protesthaltung gegenüber den Bedingungen der FIFA. Massenproteste während des Konföderationen-Pokals 2013 und andauernde Demonstrationen noch während der WM offenbarten ein Bild von Brasilien, das sowohl die Regierung als auch die FIFA unbedingt vermeiden wollten. Nichts sollte den Eindruck eines ausgelassenen und bunten Fußballfestes trüben. Und mit dem Beginn des Turniers und seinen vielen begeisternden Partien rückten die Proteste auch tatsächlich immer weiter in den Hintergrund.

Doch die tieferliegenden Ursachen waren damit natürlich nicht gelöst. Die Ankündigungen der Regierung, auch die ärmsten Bewohner der Favelas an der WM teilhaben zu lassen, haben sich als leere Versprechungen erwiesen. Statt kultureller Vielfalt und gesellschaftlicher Pluralität auf den Rängen ist es vor allem die weiße brasilianische Mittel- und Oberschicht, die feiernd auf den Fernsehbildern zu sehen ist. Wer nicht das nötige Kleingeld aufbringen kann oder sich nicht an dem skandalösen Treiben offizieller FIFA-Partner auf dem Schwarzmarkt beteiligen möchte, dem bleibt der Weg ins Stadion versperrt.

Wenn es noch eines letzten Beweises für das intransparente und unwürdige Geschäftsgebaren des größten internationalen Fußball-Verbandes gebraucht hätte, nun gibt es ihn. Nach dieser WM ist endgültig klar: Die FIFA muss sich radikal erneuern, personell wie strukturell. Nur so hat der Fußball eine Chance, als Menschen verbindender Sport über alle Grenzen hinweg zu überleben, jenseits des totalen Kommerzes und unabhängig von einer korrupten Funktionärselite – in den Händen der Fans.

An dieser Stelle spielen sich die fußballbegeisterte Grünen-Politikerin und Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth und der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger gegenseitig verbal die Bälle zu. Im Wechsel erscheint die Kolumne „Doppelpass“ exklusiv auf Handelsblatt Online. Alle „Doppelpass“-Beiträge finden Sie hier.

Claudia Roth
Vize-Präsidentin des Deutschen Bundestags

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