Reiner Calmund zum WM-Start
„In São Paulo habe ich die Flucht ergriffen“

Als Fußball-Manager eroberte Reiner Calmund den brasilianischen Markt, als WM-Tourist kehrt er zurück. Im Interview spricht er über Preistreiberei, die WM-Favoriten und warum er in Favelas nie überfallen wird.
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Salvador/BahiaReiner Calmund kehrt nach Brasilien zurück. Mehr als 50 Mal hat er als gewichtiger Manager von Bayer 04 Leverkusen Südamerika bereist, auf der Suche nach dem nächsten Schnäppchen. Mittlerweile ist er zumeist als TV-Experte zu sehen. Nach Salvador/Bahia, zum ersten Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal, reist Calmund aber vor allem als Fußball-Fan und WM-Tourist. Vor der Abreise hat er mit Handelsblatt Online gesprochen.

Herr Calmund, Sie sind mehr als 50 Mal nach Brasilien geflogen – wie haben Sie das Land bei diesen Reisen erlebt?
Es ist ein wunderbares Land mit netten, gastfreundlichen Menschen, deren Vorfahren aus allen Teilen der Welt kamen. Viele haben in erster Linie die Copacabana auf dem Schirm, dabei ist Brasilien unheimlich vielfältig.

Seit Wochen protestieren viele Brasilianer gegen soziale Missstände im eigenen Land. Droht der WM ein Nebenkriegsschauplatz mit Verletzten und Toten?
Die Nachrichten von den Unruhen beunruhigen mich. Aber sie sind verständlich. Es ist vieles schief gelaufen, die benachteiligten Menschen wollen die WM als Bühne nutzen und darauf aufmerksam machen, dass sie Opfer sind – von Korruption, ungleicher Verteilung, schlechter Politik. Es ist einem Menschen, der unter Armut leidet, schwer zu vermitteln, dass in ihrem Land Stadien für Milliarden Dollar gebaut werden.

Haben Sie selbst in Brasilien schon einmal Angst gehabt?
Einmal bei einem Fast-Absturz mit einem Lear-Jet auf dem Flug von Rio nach Porto Alegre. Nach der Landung ist es uns mit zitternden Knien dennoch gelungen, den Weltklassespieler Emerson für Bayer 04 zu verpflichten.

WM-Touristen fürchten Straßenkriminalität und Überfälle. Wie sicher haben Sie sich bei ihren Reisen gefühlt?
Mir wurde bei meinen Reisen nur einmal Geld gestohlen und das aus einem Hotelsafe. Auf der Straße war ich immer mit den richtigen Leuten unterwegs.

Wie meinen Sie das?
Ich war häufiger in den Favelas, aber immer nur mit einem brasilianischen Nationalspieler. Wenn ich beispielsweise mit einem Jorginho durch ein solches gefährliches Viertel spaziere, dann ist das sicherer als in einem Panzerwagen. Das zeigt auch wie hoch der Stellenwert der Fußballer ist – als Nationalspieler und Kapitän der Seleção steht man nur knapp unter dem Staatspräsidenten.

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