WM-Proteste in Brasilien
Der Fußball wirkt wie Opium fürs Volk

Massenproteste haben Brasilien vor einem Jahr erschüttert. Die Forderungen der Demonstranten sind weiter unerfüllt, während der WM ist es dennoch ruhig geblieben. Zwei Gründe: Die guten Spiele und der Faktor Angst.
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Rio De JaneiroSie tragen Pink, sind bewaffnet mit Schildern und protestieren gegen die Ordnungshüter der Stadt Rio. Die Aktivisten fordern einen „Choque de Amor“ – einen Liebes-Schock - statt des offiziellen Ordnungsschocks. Ein Programm mit dem die Kommune die Stadtteile aufräumen will – Falschparker und Zigarettenwegwerfer werden dabei von der Guarda Municipal genauso abgestraft wie Straßenkinder und Bauchladenhändler vertrieben.

Es ist eine Protestgruppe von vielleicht 200 Leuten, die in ihren Kostümen und mit Trommeln über die Avenida Atlântica an der Copacabana zieht. Die einen demonstrieren gegen die Ordnungswut der Stadt, andere für Frauenrechte, ein Mann streckt ein Schild in die Höhe: Fuck Fifa. Wär ihr Auftreten nicht so schrill, sie würden untergehen im Meer der Fußball-Fans, die in ihren bunten Trikots auf dem Weg zum Strand sind.

Rückblende: Es ist der 20. Juni 2013, als die Proteste in Brasilien ihren bitteren Höhepunkt erleben. Mehr als eine Million Menschen gehen in den Großstädten des Landes auf die Straße, 300.000 allein in Rio de Janeiro. Ihnen gegenüber stehen Polizeieinheiten mit gepanzerten Fahrzeugen. Die Situation eskaliert, Tränengas-Wolken breiten sich aus, Polizisten schießen mit Gummigeschossen in die Menge, Randalierer zünden Autos an, es kommt zu erbitterten Straßenschlachten mit zahlreichen Verletzten.

In jenen Tagen steht Brasilien unter besonderer Beobachtung. Es läuft der Confed-Cup, das Turnier, das der Welt einen Vorgeschmack auf die Fifa-Weltmeisterschaft im folgenden Jahr geben soll. Die Spiele werden angesichts der Unruhen im ganzen Land zur Randnotiz und die Sorge von Regierung und Veranstalter wächst, was wohl erst passiert, wenn die richtige WM ausgetragen wird.

Jetzt steht nach gut vier WM-Wochen das Finale an und die Bilder, die seit dem ersten Anpfiff um die Welt gehen, zeigen Fußball, Fußball, Fußball. Die großen Protestzüge mit Krawallen sind ausgeblieben, dabei sind die Probleme, die die Menschen vor einem Jahr auf die Straße getrieben haben, nicht im Ansatz ausgeräumt.

„Der Regierung ist es gelungen, die Proteste auszusitzen, es ist nichts auf den Weg gebracht, dass irgendetwas verändern würde“, sagt Dawid Danilo Bartelt, Leiter der Böll-Stiftung in Rio de Janeiro. Für ihn waren die Proteste von damals dennoch einmalig. „Ein Happening, das seinen Grund hatte in der Massivität und einer Spontanität, die sich nicht reproduzieren lässt.“

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