Erneuerbare Energien
Die Kehrseite der Energiewende

Während sich Privathaushalte mit der EEG-Umlage meist irgendwie anfreunden können, bringt sie Unternehmer an den Rand des Abgrunds. Die langfristigen Folgen des Vorzeigeprojekts der Regierung könnten noch schlimmer sein.
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Im ersten Halbjahr 2014 stammten 28,5 Prozent des in Deutschland verbrauchten Stroms aus regenerativen Quellen - ein neuer Rekord. Was für ein Erfolg! Sonne und Wind sind auf dem besten Weg, zur tragenden Säule der Stromversorgung zu werden, ihr Anteil wächst rasant. Zehn Jahre zuvor lag er noch unter der Marke von zehn Prozent. Die Energiewende – ein Selbstläufer. Doch der Jubel, den die Politik angesichts der dynamischen Entwicklung gerne anstimmt, ist unbegründet. Die Bundesregierung lässt für den Ausbau der erneuerbaren Energien Teile der Energiewirtschaft bluten. Und in der Industrie wird die Energiewende mittlerweile nicht mehr als Chance, sondern als unkalkulierbares Kostenrisiko betrachtet.

Der Erfolg der einen ist das Waterloo der anderen. „Merkel will uns den Hals gleich zweimal umdrehen“, sagt ein Manager eines großen Energieversorgers. Ein Unternehmen zog bereits die Konsequenzen: Der Eon-Chef Johannes Teyssen kündigte kürzlich die Aufspaltung seines Unternehmens an: in einen zukunftsträchtigen, grünen Teil, der die besten Voraussetzungen dafür hat, in der regenerativen, dezentralen und smarten Energiewelt zu reüssieren; und in einen Teil, der für die alte Energiewelt steht.

Die Zellteilung mag als kühne strategische Entscheidung daherkommen. In Wahrheit offenbart sie die große Not, in der sich die Betreiber von Kohle-, Gas- und Kernkraftwerken befinden: Die Politik hat ihnen mit der massiven Privilegierung und Subventionierung der erneuerbaren Energien die Luft zum Atmen abgeschnitten. Wind und Sonne drängen Kohle und Gas aus dem Markt. Klimapolitisch ist das sinnvoll, fürs Gesamtsystem ist es verheerend. Mit vielen Gas- und Kohlekraftwerken lässt sich kein Geld mehr verdienen. Nagelneue, effiziente Anlagen schreiben rote Zahlen, werden außer Betrieb genommen. Viele Kraftwerksbetreiber sind in existenzieller Not. Wenn mehr und mehr Kraftwerke abgeschaltet werden, gerät das Gesamtsystem aus dem Lot. In Zeiten ohne Wind und Sonne fehlt es an den dringend erforderlichen Back-up-Kapazitäten. Was die Bundesregierung dagegen tun will, ist noch unklar. Bislang fährt sie auf Sicht, lässt die Bundesnetzagentur Kraftwerkskapazitäten für den Engpassfall einkaufen. Eine Strategie ist das nicht, eine verlässliche Basis für Investitionsentscheidungen erst recht nicht.

Schmerzgrenze der Privatverbraucher noch nicht erreicht

Doch als wäre das für sich allein genommen nicht schon genug: Wirtschaft- und Umweltministerium haben die Kohlekraftwerke erneut ins Visier genommen. Sie sollen noch ein paar Millionen Tonnen Kohlendioxid mehr einsparen als bislang geplant. Nur auf diesem Wege hält man es noch für möglich, bis 2020 das deutsche CO2-Reduktionsziel von 40 Prozent zu erreichen. Eine Reduktion von 22 Millionen Tonnen CO2 zusätzlich steht im Raum. Angesichts der gesamten CO2-Emissionen der Stromerzeugung von deutlich über 300 Millionen Tonnen pro Jahr sei das doch ein Kinderspiel, argumentieren übereinstimmend Bundeswirtschaftsministerium und Bundesumweltministerium. Wieder macht die Bundesregierung eine Rechnung zulasten Dritter auf: Die Kohlekraftwerksbetreiber sollen dafür geradestehen, dass Deutschland 2020 als Klima-Musterschüler dasteht, koste es, was es wolle.

Die breite Öffentlichkeit findet die Energiewende trotz aller Ungereimtheiten und Probleme gut. Die Zustimmung zu dem Jahrhundertprojekt der Politik ist nach wie vor hoch, das belegen sämtliche Umfragen. Dabei zahlt jeder Einzelne kräftig für den Umstieg auf erneuerbare Energien. Private Stromverbraucher und große Teile der Wirtschaft berappen für den Ausbau der Erneuerbaren Jahr für Jahr insgesamt deutlich mehr als 20 Milliarden Euro – für Strom, der nur einen Bruchteil dieses Betrags wert ist.

Während aber für private Haushalte die Schmerzgrenze noch nicht erreicht zu sein scheint, findet in Teilen der Industrie ein Umdenken statt, das sich in Zahlen ablesen lässt. Unternehmen der energieintensiven Branchen investieren laut Statistischem Bundesamt in Deutschland seit Jahren weniger, als sie abschreiben. Übersetzt heißt das: Sie zehren ihre Substanz auf. Diese schleichende De-Industrialisierung ist noch nicht wahrnehmbar, denn die großen Chemie- und Stahlwerke, Aluminium- und Kupferhütten werden ja nicht von heute auf morgen verschwinden. In wenigen Jahren aber könnten die geschlossenen industriellen Wertschöpfungsketten, auf die man hierzulande so stolz ist, an entscheidenden Stellen Lücken aufweisen.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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