Politisches Etikett
Was bedeutet eigentlich „neoliberal“?

Blindes Marktvertrauen und soziale Kälte sind Attribute, die insbesondere seit der jüngsten Finanzkrise mit dem Begriff des „Neoliberalismus“ verknüpft werden. Die ersten Vertreter dieser politischen Richtung hatten aber anderes im Sinn.
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Neoliberal – das gilt heute als Beschimpfung, schwingt dabei doch immer der Vorwurf des blinden Vertrauens in den Markt mit. Ex-Linke-Chef Oskar Lafontaine etwa definierte den Neoliberalismus so: „Eine ökonomische Theorie, verbrämt mit professoralem Geschwätz, verkürzt auf einen Satz: die Durchsetzung eigener Interessen.“

Doch das ist ein großes Missverständnis: Denn die Neoliberalen, die sich 1938 in Paris formierten, wollten den Markt nicht deregulieren – im Gegenteil. Für die Gründer, darunter Ökonomen wie Wilhelm Röpke oder Alexander Rüstow, war der Manchester-Kapitalismus des 19. Jahrhunderts der Hauptgrund für die Wirtschaftskrise nach 1929 – eine Krise, die einen durchschnittlichen Amerikaner ein Drittel seines Wohlstands kostete und einen Deutschen ein Viertel. „Der neue Liberalismus“, so Rüstow, „fordert einen Staat oberhalb der Wirtschaft, oberhalb der Interessenten, da, wo er hingehört.“ Die wohlstandsmehrende Kraft der Marktwirtschaft sollte genutzt, destruktive Monopole und Kartelle aber gebändigt werden.

Die heutige Bedeutung hat der Neoliberalismus eher von Ronald Reagan und Margaret Thatcher geerbt: Auch deren Feldzug für freie Finanzmärkte bekam dieses Etikett aufgeklebt. Zu Unrecht.

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