Millenniumsentwicklungsziele
Acht gute Vorsätze für die Welt

Acht Entwicklungszielen hatten sich im Jahr 2000 189 Staaten verpflichtet, um Armut, Krankheit und Hunger in der Welt zu bekämpfen. 2015 läuft die Frist für die sogenannten Millenniumsziele ab. Eine ernüchternde Bilanz und ein positives Beispiel.
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DaressalamDrei Tage lag Asha zuhause in ihrem Heimatdorf im ländlichen Tansania in den Wehen bis zur Todgeburt ihres Kindes. Sie litt fortan an schwerer Inkontinenz, weswegen ihr Mann sie verließ und sie vom sozialen Leben weitgehend ausgeschlossen wurde. 15 Jahre lebte die Frau mit der Krankheit bis zu Diagnose und Operation im tansanischen CCBRT (Comprehensive Community based Rehabilitation in Tanzania), einem Krankenhaus spezialisiert auf Mütter, Kleinkinder und Menschen mit Behinderung. Die Einrichtung erzählt Ashas Leidensgeschichte stellvertretend für viele Schwangere in Entwicklungsländern. Diese haben vor allem jenseits der Ballungszentren nur sehr eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung, gebären meistens zuhause, sind bei Komplikationen auf sich allein gestellt und Krankheiten, die in Europa längst in Vergessenheit geraten sind, enden für sie oft tödlich.

Asha etwa litt seit der Totgeburt an Geburtsfisteln. Die Krankheit ist in den Industriestaaten seit dem Kaiserschnitt im Prinzip ausgestorben, aber weltweit sind laut Fistula e. V. geschätzt noch zwei Millionen Frauen betroffen. Die Zahl ist ein Grund, warum Mütter in den Millenniumentwicklungszielen besondere Berücksichtigung finden. Die insgesamt acht Ziele gehen auf das bisher größte UN-Gipfeltreffen im Jahr 2000 in New York zurück, wo sich 189 Staaten auf die Millenniumserklärung einigten. Demnach wollte die Weltengemeinschaft die Bekämpfung von Armut, Krankheit und Hunger forcieren und innerhalb von 15 Jahren nachweisliche Erfolge erreichen – unter anderem die Reduzierung der Müttersterblichkeit.

Eng verbunden mit der Versorgungssituation der Mütter ist die der Neugeborenen – und im tansanischen CCBRT stehen Betten für beide bereit. Die Einrichtung ist mit Schulungen und Mitarbeitern in weiten Teilen des Landes präsent, ihr Hauptsitz ist in Tansanias wirtschaftlichem Zentrum Daressalam. Dort reihen sich an diesem Vormittag wieder zahlreiche junge Mütter auf den niedrigen Bänken im Wartebereiche, mit Kleinkindern auf dem Schoß oder ihren Säuglingen in bunten Tüchern eng an den Körper gehüllt. Das Büro von Erwin Telemas, dem CCBRT-Geschäftsführer, liegt im Gebäude gegenüber und aus dem Fenster fällt der Blick auf die Notaufnahme. „Die Herausforderungen im Gesundheitssektor hier im Land sind enorm“, sagt der gebürtige Belgier. Besonders in den ländlichen Regionen von Ostafrikas größtem Flächenstaat werden die Probleme medizinischer Unterversorgung offensichtlich: Ärztemangel, Unterfinanzierung des Sektors, Aufklärungsdefizite, Probleme bei der Prävention, usw.. „In manchen Einrichtungen teilten sich lange fünf oder sechs Frauen ein Krankenbett, heute sind es nur noch vier Patientinnen pro Bett“, veranschaulicht Telemans die allmählichen Fortschritte.

Mit der Gesundheitsreform von 2003 will die Regierung die Versorgungssituation im Land voranbringen und hat entsprechend den Millenniumentwicklungszielen die Reduzierung der Mutter- und Kindersterblichkeit als Zielvorgabe gesetzt. Um zwei Drittel soll dem UN-Plan zufolge die Sterberate der unter Fünfjährigen weltweit gesenkt werden – eines der Ziele das voraussichtlich bis zum Ablauf der Millenniumskampagne im September 2015 nicht erreicht werde, so UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon bei der Präsentation des letzten Zwischenberichts. Doch Tansania ist eine der positiven Ausnahmen in der globalen Statistik, wie Zahlen von Unicef belegen: Im Jahr der Unabhängigkeit des Landes 1961 lag die Rate noch bei 240 verstorbenen Kindern pro 1000 Lebendgeburten, bei der Verabschiedung des Gesundheitsplans 2003 bei 105 und im Jahr 2012 bei 54 verstorbenen Kindern. Zum Vergleich: In Deutschland starben im selben Jahr 4 von 1000 Lebendgeburten.

Global lobte die UN die Fortschritte im Kampf gegen Armut, wobei das Ziel durch Bildungsförderung und Familienunterstützung bereits 2010 erreicht wurde. In dem Jahr lebten nur noch 22 Prozent der Menschen in extremer Armut, also von weniger als 1,25 Dollar täglich. Das sind 700 Millionen Menschen bzw. 25 Prozent weniger als noch zwei Jahrzehnte zuvor. Ebenso gibt es Erfolge in der HIV-Bekämpfung und im Punkt Grundschulbildung. Die gute Bilanz trifft nur auf wenige der Millenniumsziele zu und für dieses ernüchternde Ergebnis macht Wilfried Vyslozil, Vorstand der SOS-Kinderdörfer weltweit, die Industriestaaten mitverantwortlich. „Das liegt vor allem daran, dass die reichen Staaten nicht die vereinbarten finanziellen Mittel einsetzen, die 2000 zugesagt wurden“, erklärt Vyslozil. „Die Zielmarke von 0,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes hat Deutschland zum Beispiel mit rund 0,4 Prozent klar verfehlt. Das gilt auch für viele andere Staaten wie die USA, Japan und Österreich.“ Nur Schweden, Norwegen, Luxemburg, Dänemark und die Niederlande hätten diese Zielvorgabe erreicht und sogar übererfüllt. Schweden liege sogar bei über einem Prozent des BIP, teilte die Organisation mit.

Auch das CCBRT ist auf Spendengelder und internationale Entwicklungshilfe angewiesen – etwa aus Deutschland von der GIZ oder der Christoffel Blindenmission. Operationen wie der Eingriff bei Geburtsfisteln sind kostenlos und das Krankenhaus übernimmt sogar die Anreisekosten zum nächsten Krankenhaus, die sich die Frauen oft nicht leisten können. Schätzungen zufolge sind allein in Tansania jährlich 3.000 Frauen von der Krankheit betroffen und erfahren oft nicht mal eine richtige Diagnose. Asha hörte in einer Radiokampagne des CCBRT erstmals von Fistula. „Hätte ich Geld, würde ich dem Krankenhaus ein Geschenk machen. Doch so kann ich nur sagen, wie dankbar ich bin, dass sie mir mein Leben zurückgegeben haben“, sagte die 38-Jährige. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Fistula-OPs im CCBRT von 40 auf 173 gestiegen.

Im Januar beginnen die Verhandlungen über neue Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDG), die eng an die sogenannte Post-2015-Agenda geknüpft sind und die ökologische Dimension von Nachhaltigkeit stärker berücksichtigen sollen. Die Senkung der Mütter- und Kindersterblichkeit werden darin voraussichtlich nicht mehr als gesonderte Ziele aufgeführt und Sudha Sharma von Unicef in Tansania blickt schon jetzt mit Bedenken auf die Deadline im September: „Die MDG haben den Fokus der Entwicklungshilfe gelenkt. Aber auch nach 2015 darf die Situation von Müttern und Kindern nicht aus dem Blickfeld geraten. Jedes Kind zählt.“

Caroline Lindekamp
Caroline Lindekamp
Handelsblatt / Freie Journalistin
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