Telemedizin
Der digitale Doktor

Systeme, die in Notfällen den Arzt anrufen und digitale Geräte, die Körperfunktionen auswerten und übermitteln: Onlinesysteme können für chronisch Kranke eine große Hilfe sein.
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Eine Wärmebildkamera im Wohnzimmer dürfte für die meisten Menschen eine merkwürdige Vorstellung sein - gerade in Zeiten von Überwachungsskandalen und Datenschutzdebatten. Doch sie könne Leben retten, sagt Ralf-Joachim Schulz, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie und Chefarzt des Marien-Hospitals in Köln.

Solche Kameras sind bereits im Einsatz und sollen Senioren und Menschen mit Störungen des Herz-Kreislauf-Systems davor bewahren, nach einem Sturz hilflos und unentdeckt in der Wohnung zu liegen. Stellt das Überwachungssystem fest, dass sich eine Person länger nicht bewegt und die Körpertemperatur sinkt, alarmiert es umgehend die Familie, den Pflegedienst oder einen Arzt.

Telemedizinische Hilfen finden in Deutschland immer mehr Anklang. Über Mobilfunk- oder Internetverbindungen kontrollieren sie den Gesundheitszustand von Patienten, dienen als Notfallsystem oder ersparen chronisch Kranken ständige Arztbesuche, weil sie den Check-up von zu Hause aus erledigen können.

Das deutschlandweit größte Telemedizinprojekt läuft schwerpunktmäßig in Nordbrandenburg: Dort wurden unter der Leitung der Berliner Charité rund 500 Patienten, die an chronischer Herzinsuffizienz leiden, mit Technik ausgestattet: Eine digitale Waage, ein Blutdruckmessgerät, ein Mini-EKG, das die Herzaktivität misst, sowie ein Messgerät für die Sauerstoffsättigung des Blutes gehören nun zum Haushalt der Teilnehmer. Die Patienten übermitteln per Tabletcomputer die gesammelten Daten mitsamt einer kurzen Selbsteinschätzung verschlüsselt an die Zentrale in der Charité. Dort überwacht rund um die Uhr ein Arzt die eingehenden Daten und reagiert, wenn Unregelmäßigkeiten aufkommen.

Wohnort sollte nicht über Behandlung entscheiden

"Dadurch, dass wir täglich Gesundheitsdaten unserer Patienten erheben, können wir viel besser einschätzen, wie ernst eine Situation ist, wenn es ihnen mal nicht so gut gehen sollte", sagt Friedrich Köhler, Leiter des Projekts und Professor am Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin der Charité. "Oft sehen wir dann, dass es vollkommen ausreicht, wenn sie am nächsten Tag zum Arzt zu gehen. Man muss nicht immer reflexartig den Rettungshubschrauber rufen."

Ein Ziel der Studie ist nachzuweisen, dass die Patienten aus der Entfernung mindestens genauso gut medizinisch betreut werden können wie auf konventionelle Weise. Die räumliche Distanz zwischen Patient und Arzt sollte eher als Vorteil denn als Nachteil gesehen werden, ist Köhler überzeugt: "Chronisch Kranke haben ohnehin schon ein Schicksal zu tragen, da darf dann nicht auch noch ihr Wohnort über ihre Überlebenschancen entscheiden. Gerade alte Menschen können wir entlasten, weil der Weg zum Arzt für sie häufig besonders beschwerlich ist."

Senioren könne so Lebensqualität zurückgegeben werden. "Viele Senioren sagen mir, dass sie sich nicht mehr trauen, allein zu Hause zu sein", sagt der Kölner Altersmediziner Schulz. Gleichzeitig wollten viele Senioren unter keinen Umständen in Alters- oder Pflegeheime ziehen. "Die Telemedizin erlaubt es uns, dass wir Senioren und Risikopatienten im häuslichen Umfeld lassen können, die sonst im Krankenhaus liegen oder im Pflegeheim leben müssten."

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