K wie Klonen
Wenn der Mensch Schöpfer spielt

Dramatischer Eingriff in die Natur oder medizinische Sensation? Beim Klonen werden aus dem Erbgut einer Zelle genetisch identische Individuen erzeugt. Oder Stammzellen, die Krankheiten heilen könnten.
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Die öffentliche Diskussion um die Ethik des Klonens beginnt mit einem Schaf. 1996 präsentierte der Zellbiologe Ian Wilmut das weltweit erste geklonte Lebewesen: Das Schaf Dolly ist die identische Kopie eines anderen Schafes. Die einen feiern Dollys Existenz als Triumph der Wissenschaft, die anderen sehen sie als unverzeihlichen Eingriff in die Natur. Der Weg zum menschlichen Klon scheint geebnet, denn nun geht es Schlag auf Schlag: Klon-Mäuse, Klon-Rinder und Klon-Schweine folgen. Landwirte sind fasziniert: Bei geklonten Nutztieren ließen sich gewünschte Eigenschaften genetisch vorprogrammieren und so garantieren. Auch Haustiere werden kopiert: Eine Klon-Katze soll zeigen, dass sich künftig niemand mehr vom geliebten Haustier verabschieden muss.

Diese rasante Entwicklung wirft existenzielle Fragen auf und schürt Ängste vor einer unheimlichen Entwicklung: Werden bald genetisch optimierte Designerbabys gezeugt? Begegnen wir irgendwann auf der Straße unserem genetischen Doppelgänger? Kurz: Darf ein Mensch eine Kopie sein? Nein, da sind sich seriöse Wissenschaftler einig. In mehr als 30 Ländern, darunter Deutschland, ist das reproduktive Klonen bei Strafe untersagt. Nicht nur die ethischen Bedenken, auch die Risiken sind groß. Unzählige Fehlgeburten würden dem erfolgreichen Austragen eines Klon-Babys voran gehen. Das Kind könnte an Missbildungen und Krankheiten leiden. Schreckliche Szenarien, die zumindest seriöse Wissenschaftler abschrecken.

Auch der Euphorie der tierklonenden Forscher folgte bald Ernüchterung: Viele der Retortentiere, darunter auch Schaf Dolly, altern schnell und leiden unter Krankheiten und Missbildungen. Sie sterben noch im Mutterleib oder müssen vorzeitig eingeschläfert werden. Die Technik wird zwar ständig verbessert, bleibt aber teuer und verlustreich. Eine Massenproduktion geklonter Tiere ist nicht in Sicht

Gewebe klonen mit Stammzellen

Doch die Forschung geht weiter. Heute konzentrieren sich Wissenschaftler auf das therapeutische Klonen: Stammzellen, gewonnen aus Embryonen, sollen bisher unheilbare Krankheiten wie Alzheimer, Diabetes und Parkinson bekämpfen. Die Idee: Geklonte Zellen ersetzen defektes Gewebe im Körper des Patienten. Der Vorteil: Es wird vom Immunsystem des Patienten nicht mehr abgestoßen, da sie die gleiche DNA wie der Spender des Zellkerns haben. Anfang 2014 ist Klonschaf Dolly wieder hochaktuell - denn die Methode zu seiner Erzeugung ist endgültig beim Menschen angekommen. Forscher der "New York Stem Cell Foundation" haben mit demselben Prinzip erstmals menschliche omnipotente Stammzellen erzeugt. Diese können prinzipiell in jedes andere Gewebe umgewandelt werden. Um sie herzustellen werden dem Patienten Körperzellen entnommen, zum Beispiel aus der Haut.

Diese Hautzellen werden in eine gespendete und zuvor entkernte Eizelle eingeschleust. Die präparierte Eizelle wird aktiviert und beginnt sich zu teilen, der Keim menschlichen Lebens entsteht: Ein Embryo. Hier trennt sich die Praxis des therapeutischen Klonens von der Idee, einen Menschen zu kopieren. Statt den Embryo in die Gebärmutter einer Frau zu übertragen, werden daraus Stammzellen extrahiert. Diese können zu verschiedenen Zelltypen weiterentwickelt werden, etwa zu Nerven- oder Muskelzellen. Die New Yorker Forscher stellten aus den Stammzellen Insulin produzierenden Bauchspeicheldrüsenzellen für eine Patientin mit schwer behandelbarer Diabetes her. Allerdings konnten bei dem Experiment nur wenige funktionsfähige Zellen gewonnen werden – von einer allgemeinen Heilmethode für Diabetes ist man also noch weit entfernt.

Ein weiterer Weg zu den begehrte Stammzellen: Forscher haben herausgefunden, wie sich reife Zellen genetisch neu programmieren und so wieder auf jung und gesund stellen lassen. Dazu sind erstaunlich wenig Modifikationen nötig. So lassen sich aus den Körperzellen des Patienten frischer Zellersatz züchten ohne dass dazu eine Eizelle nötig ist. Allerdings ist nicht klar, wie stabil das von ihnen gebildete Gewebe wirklich ist. Ein weiterer Ansatz: Einige hundert Zellkulturen aus Embryonen zu züchten, die bei künstlichen Befruchtungen übrig blieben. Braucht ein Patient solche Zellen, würde die passende Kultur ausgewählt, ähnlich wie bei einer Organspende. Der Nachteil: Da es nicht seine eigenen sind, werden die Zellen nie perfekt zum Empfänger passen.

Die Forschung zum besten Weg zu den begehrten Stammzellen ist in vollem Gange. Ebenso die ethische Diskussion: Gegner des Klonens weisen auf die Gefahr eines Missbrauchs der Technologie hin, die das Prinzip der Einzigartigkeit jedes Menschen in Frage stelle. Für die vage Hoffnung auf den medizinischen Durchbruch müssten unzählige Embryos getötet werden. Die katholische Kirche etwa betont, jeder Embryo sei ein Lebewesen, egal ob im Reagenzglas oder im Mutterbauch. Befürworter argumentiere hingegen, es sei unethisch, die Möglichkeiten des therapeutischen Klonens nicht zu erforschen. So lasse man die Chance verstreichen, schwere Krankheiten irgendwann heilen zu können. Das Klonen sei der Weg zur nächsten Revolution in der Medizintechnik.

Christina Stahl
Christina Stahl
Handelsblatt / Freie Mitarbeiterin
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