Atomkatastrophe in Japan
Fukushima ist nicht Tschernobyl

Fukushima ist inzwischen offiziell ein katastrophaler Unfall. Zu Recht, das war längst bekannt. Doch zu suggerieren, alles sei weit dramatischer, ist falsch, meint Sven Stockrahm.
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BerlinWenig hat sich am Ernst der Lage in den Ruinen von Fukushima-1 verändert. Nach wie vor konzentrieren sich Techniker und Arbeiter in der Anlage auf die dauerhafte Kühlung des Brennstoffs in den Reaktorkernen und zeitweise ausgetrockneten Abklingbecken. Und doch scheint die Situation seit Mittwoch eine andere zu sein: Denn die AKW-Havarie in Japan rangiert nun auf einer Stufe mit dem GAU in Tschernobyl im Jahr 1986. In Fukushima müsse nun doch alles viel schlimmer, dramatischer und gefährlicher sein als bislang gedacht, mutmaßen Medien seither. Japan habe sich "endlich" entschlossen, das wahre Ausmaß der Katastrophe mitzuteilen, heißt es. Im Unterton schwingt mit, dass hier verheimlicht, vertuscht und falsch gehandelt wurde.

Wären nicht ganz andere Maßnahmen getroffen worden, wenn der Unfall von Anfang an so schwerwiegend eingestuft worden wäre? Die Antwort ist Nein. Denn die internationale Skala für nukleare Ereignisse (Ines) sieht für die verschiedenen Kategorien von Atomunfällen keine konkreten Maßnahmen vor. Sie erteilt dazu noch nicht einmal Empfehlungen. Jedes Land entscheidet selbst, wie es auf Reaktorunfälle reagiert. In Japan hatten die Behörden bereits zwei Tage nach dem Ausfall der Kühlung in der Atomanlage mehr als 60.000 der insgesamt rund 80.000 Bewohner im Radius von 20 Kilometern um Fukushima-1 in Sicherheit gebracht. Danach erst sprengte entzündeter Wasserstoff die Außenhülle des Reaktors 3 und beschädigte die Blöcke 2 und 4 zum Teil schwer.

Seit Beginn der Havarie versuchen zudem Arbeiter in der Atomanlage das Menschenmögliche, einen Unfall in den Griff zu bekommen, für den es keinen Notfallplan gibt. Der fehlt, weil keine Atomnation der Erde sich je mit einem solchen Szenario auseinandergesetzt hat. Bis Fukushima war der Glaube an die Beherrschbarkeit der Kernenergie nahezu unerschütterlich, trotz zahlreicher Unfälle und den Erfahrungen aus Harrisburg 1979 und Tschernobyl 1986. Ein desaströses Versagen, für das Japan nun bitter bezahlt.

Die Einstufung Fukushimas als zweiter "katastrophaler Unfall" in der Geschichte war in der Tat überfällig. Dass große Mengen Radioaktivität aus den Unglücksreaktoren entwichen sein mussten, war selbst Laien klar, nachdem die Bilder der explodierenden Blöcke um die Welt gingen.

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