Geologie
Am Toten Meer tut sich die Erde auf

Dem Boden rund um das Tote Meer ist nicht mehr zu trauen: Immer wieder tun sich Löcher auf, an manchen Stellen ähnelt das Gelände bereits einer Mondlandschaft - augenfälliger Beweis für einen schwerwiegenden Eingriff des Menschen in die Natur.
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EIN GEDI/ISRAEL. Neugierig spähte Eli Raz am Ufer des Toten Meeres in ein kleines Loch im Boden, als sich die Erde unter ihm auftat und ihn verschlang. In der Furcht, nie mehr lebend da herauszukommen, kritzelte er seinen letzten Willen auf eine alte Postkarte. Nach 14 Stunden zog ihn ein Rettungstrupp unversehrt aus dem zehn Meter tiefen Krater. Fünf Jahre später arbeitet der 69-jährige Geologe nun daran, anderen ein ähnliches Schicksal zu ersparen.

Unter seiner Leitung werden die Löcher kartiert, die sich rund um das salzige Gewässer ausbreiten und die Gegend allmählich wie eine Mondlandschaft erscheinen lassen. Urplötzlich können die Trichter einbrechen. Das Phänomen zeigt sich auf israelischer wie auch auf jordanischer Seite des Toten Meers. Ursache ist der wachsende Wassermangel durch Tourismus, Industrie und wachsende Bevölkerungszahlen in den letzten Jahren, wie der Wissenschaftler erklärt.

Das Tote Meer ist um ein Drittel geschrumpft, seit Israel und Jordanien in den 60er Jahren begannen, Wasser aus dem Jordan, seinem Hauptzufluss, abzuzweigen. Die Folge: Der Meeresspiegel sinkt, dem zurückweichenden Salzwasser dringt Süßwasser nach und wäscht unterirdische Salzschichten aus, der entstandene Hohlraum sackt ein. „Das ist der augenfälligste Beweis für den brutalen Eingriff des Menschen am Toten Meer“, sagt Raz.

Weite Uferstrecken sind bereits mit Zäunen abgesperrt; Warnschilder in hebräischer und englischer Sprache weisen auf Krater hin. Doch überall nach Erdeinbrüchen zu suchen, käme zu teuer. Erst vor zwei Monaten fiel ein israelischer Wanderer in einem Gebiet ohne Warnschilder in ein Loch und verletzte sich schwer. Solche Unfälle sind zwar selten. Doch gibt es Raz zufolge bis zu 3 000 offene Krater entlang der Küste und vermutlich noch einmal so viele, die noch nicht eingebrochen sind.

Wegen der Einsturzgefahr mussten schon ein Campingplatz, Dattelpalmenhaine und ein kleiner Marinestützpunkt geschlossen und Bauvorhaben mit 5 000 neuen Hotelbetten aufgegeben werden, wie Gilad Cohen vom israelischen Umweltministerium berichtet. Die Hauptdurchgangsstraße am Ufer entlang ist von Wasserläufen unterspült, die immer reißender werden, je weiter sie bis zum zurückweichenden Meer fließen müssen. Alle Bautätigkeit zwischen Schnellstraße und Meer sei untersagt, erklärt Cohen.

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