Klimaschutz
Gefangen in der Komfortzone

Der weltweite Energiekonsum ließe sich deutlich senken, wenn wir darauf verzichteten, im Januar mit T-Shirt im Wohnzimmer zu sitzen und im Juli mit Sakko und Krawatte im gut gekühlten Büro. Doch wenn es um persönlichen Komfort geht, tritt Klimaschutz in den Hintergrund.

DÜSSELDORF. Gewisse Standards der Behaglichkeit scheinen in unserer Gesellschaft unantastbar zu sein. Dass man auch bei 15 Grad Celsius Raumtemperatur recht gut leben könne, wenn man sich einen Pullover überziehe, hatte der Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin vor einigen Wochen in die Diskussion um steigende Energiepreise eingeworfen. Die Empörung war daraufhin groß. Manche Kritiker Sarrazins vermittelten den Eindruck, also ob er den armen Bürgern sibirische Verhältnisse zumuten wolle.

Nüchtern betrachtet, hat er natürlich vollkommen recht: Der Energiekonsum der privaten Haushalte - und damit ihre Kohlendioxid-Emissionen - ließe sich deutlich senken, wenn wir darauf verzichteten, im Januar mit T-Shirt im Wohnzimmer zu sitzen und im Juli mit Sakko und Krawatte im gut gekühlten Büro. Gewisse Standardvorstellungen von Komfort haben sich aber, so musste Sarrazin an der Kritik erfahren, als Normalität etabliert. Und normal zu leben, kann auch ein Hartz-IV-Empfänger beanspruchen. Im Alltagsdiskurs wird diese "Normalität" nicht infrage gestellt: Wohn- und Arbeitsräume sollen zu allen Jahreszeiten ähnlich wohltemperiert sein. Auch dass solche Vorstellungen von Normalität historisch gesehen vergleichsweise jung sind, beeindruckt den an sie gewöhnten Menschen nicht.

Zwischen dem "normalen" Anspruch auf stets im Rahmen der "Komfortzone" (verschiedenen Quellen zufolge etwa 22 Grad Celsius) beheizte oder gekühlte Wohn- und Arbeitsräume einerseits und dem wachsenden Wunsch, Energie zu sparen und das Klima zu schonen, besteht ein Widerspruch. Ebenso wie ein selten ausgesprochener Widerspruch zwischen Klimaschutz und anderen "normalen" Aspekten der Globalisierung besteht. Der globale Güter- und Personenverkehr ist in den Industrieländern mit Abstand die am schnellsten wachsende Emissionsquelle. Für viele Menschen, etwa Unternehmensberater, sind mehrere Flüge pro Woche ebenso zur Normalität geworden wie die 22 Grad Celsius in Büro, Auto und Wohnung. Konsequenzen zu ziehen zugunsten des Klimas und Energiesparens kostet nicht nur das Tragen eines Pullovers oder ein wenig Schweiß, sondern oft auch die Aufgabe dessen, was als normal gilt.

Die Politikwissenschaftlerin Corinna Fischer vom Bundesverband der Verbraucherzentralen nennt im Zusammenhang mit dem Klimaschutz den Konsumenten daher einen "Riesen in Ketten". Ein Riese ist er, weil er direkt oder indirekt den CO2-Ausstoß der Volkswirtschaften bestimmt. Seine "Ketten" jedoch, so Fischer, sind jene Normen vom Komfort, mit denen er sich selbst zum Energiekonsum zwingt.

Doch wie kommt die Normalität des Komforts in die Welt? Die britische Soziologin Elizabeth Shove hat in ihrem Buch "Comfort, Clienliness and Convenience nachvollzogen, wie sich Vorstellungen von Behaglichkeit und Sauberkeit entwickelt haben, und wie kommerzielle und andere Interessen sie zur Norm erhoben haben, die nicht mehr infrage gestellt wird.

"Komfort und Sauberkeit unterliegen bestimmten Formen von Steigerung und Standardisierung", schreibt sie. "Die Reichweite dessen, was als normal gilt, wird immer umfassender." Der ursprünglich für Mitteleuropäer geschneiderte Anzug aus dunkler Wolle wurde mit der Ausbreitung der Europäer seit dem 19. Jahrhundert auch für Geschäftsleute in heißen Regionen obligatorisch. Die Siesta - eine traditionelle, energiesparende Methode, Hitze zu ertragen - verschwindet immer mehr, so wie traditionelle, kühlende Kleidung in tropischen Regionen. Die Vorstellungen von Normalität spiegeln also stets auch kulturelle und politische Machtverhältnisse wider - und nehmen wenig Rücksicht auf klimatische Unterschiede.

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