Rettet den Regenwald
Der Öko-Deal: Klimaschutz auf brasilianisch

Brasilien probiert ungewöhnliche Methoden aus, um den Regenwald zu retten. Unternehmen wittern ein gutes Geschäft und unterstützen das Projekt.

MANAUS. Maria Gonçalves ist mitten in der Nacht in ihrem Dorf im Regenwald losgewandert. An den Füßen Flip-Flops. In der Hand eine Plastiktüte mit einem handgeschriebenen Brief mit den Wünschen ihrer Dorfgemeinschaft. Die zwölf Familien wollen eine Schule, einen Stromgenerator und eine motorbetriebene Mühle, um Maniok zu malen.

Gonçalves, eine abgehärmte, aber athletische 46-jährige Frau, soll den Brief nach Boa Frente bringen, einem Dorf am Ufer des Amazonas. Am Vormittag kommen dort Regierungsmitglieder sowie Financiers solcher Wünsche zusammen: das Direktorium der Hotelkette Marriott.

Mit zwei Millionen Dollar unterstützt das Unternehmen den brasilianischen Bundesstaat Amazonas und finanziert dort beispielsweise den Bau von Schulen und Ambulanzstationen. Marriott will damit nicht nur den Menschen helfen, sondern auch der Umwelt: Der Hotelbetreiber will das Juma-Reservat im Amazonas-Gebiet vor Holzfällern bewahren und so den Ausstoß von Kohlendioxid reduzieren, der bei Brandrodung entsteht und die Erderwärmung anheizt.

Das Geld sammelt Marriott bei seinen Gästen ein. Diese können sich ein gutes Gewissen erkaufen und für einen Dollar ihren CO2-Verbrauch von durchschnittlich 37 Kilogramm pro Übernachtung neutralisieren.

Marriott ist eines der ersten Unternehmen, das im Amazonas neue Wege geht, um den traditionellen Konflikt zwischen Naturschutz und Kampf gegen die Armut zu entschärfen. Vereinfacht ausgedrückt, erfüllt der Konzern einige Wünsche der Bevölkerung. Diese verpflichtet sich, den Ausverkauf ihres Waldes zu stoppen, von dem sie bislang profitierte.

Wenn der Versuch funktioniert, könnte dies die Klimadebatte beleben. In diesen Tagen treffen sich im polnischen Posen Aktivisten, Industrielobbyisten und beamtete Umweltschützer zur Uno-Weltklimakonferenz, um über die nächsten Schritte beim Klimaschutz zu diskutieren.

Nach sechs Stunden erreicht Maria Gonçalves Boa Frente. Wo sonst ein Dutzend Familien in Holzpfahlbauten lebt, sind an diesem Tag 400 Leute versammelt. Viele sind mit Kanus gekommen, die jetzt am Ufer vertäut liegen. Die Männer stehen rauchend daneben. Frauen verteilen Kuchen und Kekse.

Es kommt Stimmung auf, als zwei Helikopter eine Schleife über den Fluss ziehen und auf einer Lichtung landen: Ein Dutzend Männer und ein paar Frauen steigen aus – Vorstände von Marriott. Sie wollen heute eine Schule in Boa Frente eröffnen.

„Sie können sich nicht vorstellen, was unser Amazonas-Engagement in den USA für Enthusiasmus auslöst“, sagt Marriotts Vize-Präsident Arne Sorenson später von der Veranda der Schule herab zu den versammelten Menschen. „Es gibt für uns nichts Besseres, als den Amazonas zu retten.“ Das hört sich einfach an. Ist aber so revolutionär wie komplex – und in der Klimadebatte ein heißes Thema. Denn im Weltklimaabkommen, dem Kyoto-Protokoll, ist der Schutz von existierenden Wäldern als Beitrag zum Klimaschutz nicht vorgesehen. Treibhausgase sollen vor allem in der Industrie reduziert werden. Nur die Aufforstung von gerodeten Flächen können sich Unternehmen als Beitrag für den Klimaschutz anrechnen lassen.

Die bestehenden Wälder jedoch ließ man außen vor. Man wollte verhindern, dass Stromkonzerne aus Industriestaaten billig Wald in den Tropen kaufen, um sich damit CO2-Zertifikate zu sichern – und ihre heimischen Kohlekraftwerke weiterbetreiben, ohne dort in Ökotechnik zu investieren.

Inzwischen stellen Experten infrage, ob es richtig war, den Wald beim Klimaabkommen auszuklammern. Denn 20 Prozent der CO2-Emissionen entstehen durch Abholzung und Brandrodung von Wäldern in den Tropen. Brasilien ist dadurch der viertgrößte Treibhausgas-Produzent der Erde. Würde das Land seinen Regenwald besser schützen, wäre das einer der „kosteneffizientesten Wege zur Reduzierung von Treibhausgasen“, sagt Nicolas Stern, britischer Ökonom und Klimaexperte.

Die Regierung des Bundesstaates Amazonas unter dem ehrgeizigen Gouverneur Eduardo Braga hat sich das inzwischen vorgenommen. Der Gouverneur will sich international einen Namen als Umweltschützer machen und hat die „Stiftung für einen nachhaltigen Amazonas“ gegründet. Sie soll 34 Waldschutzgebiete dauerhaft sichern – gemeinsam mit Unternehmen wie Marriott als Sponsoren. Allein im Juma-Reservat, das die Größe des Saarlands hat, können 366 000 Hektar Regenwald gerettet werden. Bis 2016 würden damit 3,6 Millionen Tonnen CO2 weniger in die Luft gepustet, als wenn die Flächen gerodet würden. Das haben Mitarbeiter von Tüv Süd errechnet, die das Projekt nach Umweltnormen zertifiziert haben.

Bisher beteiligen sich Unternehmen wie Marriott freiwillig an dem Projekt. Sie müssen nach dem Klimaabkommen keine Kompensation für die von ihnen verursachten Emissionen leisten. Für sie zählt der Marketing- und Sympathieeffekt bei Kunden und Mitarbeitern. „Wir hätten nie gedacht, wie stark dieses Projekt auch nach innen wirkt“, sagt David Mann von Marriott. „Unsere Mitarbeiter sind für ihre Kinder Helden, weil sie den Amazonas retten.“

Auch die brasilianische Bank Banco Bradesco hat zehn Millionen Dollar in das Projekt investiert. „Weitere Konzerne stehen Schlange, um zu investieren“, sagt Virgílio Viana, Geschäftsführer der „Stiftung für einen nachhaltigen Amazonas“.

Als Staatssekretär für Umwelt in Manaus hat er in den vergangenen Jahren eine wichtige Voraussetzung dafür geschaffen, dass die Regenwaldrettung überhaupt funktionieren kann: Er hat Ideen entwickelt, wie man die Bevölkerung dazu bringt, mitzumachen und auf die Profite zu verzichten, die das Abholzen des Regenwaldes bringt. Unter anderem bekommen Mütter als Familienvorstand jeden Monat 50 Real, umgerechnet 20 Euro, wenn der Holzbestand auf ihrem Grundstück nicht schrumpft – das ist viel Geld für die Menschen in dieser Gegend.

Auch die 25-jährige Ordelina Batista hat sich verpflichtet, die Bäume auf ihrem Grundstück nicht anzurühren und dafür Geld kommen. Während im Vorraum der Holzhütte zwei Männer in Hängematten ihren Rausch ausschlafen, muss die Batista eine Weile suchen, bis sie ihre Kredit-Karte findet, mit der sie über das Geld verfügen kann: Eine Visa-Karte von Bradesco mit dem Logo und Aufschrift der Amazonas-Stiftung zeigt sie stolz mit ihren sorgsam manikürten Fingern vor. Alle drei Monate fährt sie mit dem Schiff sechs Stunden in die nächste Kreisstadt Nova Aripuanã um dort in einer Bradesco-Filiale das Geld abzuheben. Sie spart für einen Fernseher. „Im Fernsehen meiner Nachbarin habe ich zum ersten Mal gesehen, dass Ihr in den Städten Euch für unsere Flüsse und Natur interessiert“, sagt sie und wirkt, als erstaune sie das immer noch.

Doch reichen solche Subventionen sowie der Bau von Schulen, um den Wald zu erhalten? „Es gibt keine Alternative“, sagt Stiftungsleiter Viana. Das 1992 auf dem Erdgipfel in Rio de Janeiro angeschobene Pilotprogramm zum Schutz der brasilianischen Tropenwälder, bei dem inzwischen 350 Millionen Euro in den Amazonas flossen, konnte die Regenwaldabholzung kaum bremsen. „Da wurde absurd viel Geld ausgegeben, das gab es absurde bürokratische Prozesse“, sagt Viana, „wir haben daraus gelernt, wie man es nicht machen soll.“

Viel Zeit fürs Ausprobieren haben die Brasilianer nicht mehr. Experten prognostizieren, dass ein Drittel des heute noch weitgehend intakten Regenwaldes des Bundesstaates Amazonas bis 2050 verschwindet, wenn nichts passiert.

Beispiel Juma: Die sechs illegalen Sägewerke in dem Reservat sind zwar wieder verschwunden, weil die Polizei sie schloss. Doch das Abholzen hört nicht auf. „Die Sägewerke sind ein paar Hundert Kilometer weitergezogen, außerhalb des Reservats“, sagt Pater Antonio Ramiro, der vor 25 Jahren aus dem Baskenland in den Amazonas zog und hier einige Gemeinden betreut. Der kleine Mann lebt gefährlich, bekommt regelmäßig Morddrohungen, weil er jeden Holzraub, jeden Einschlag bei der Umweltbehörde anzeigt. Ramiro: „Die müssen dann irgendetwas tun.“

Den Ansatz der „Stiftung für einen nachhaltigen Amazonas“ hält er für intelligenter als alles, was die Politiker in den letzten Jahrzehnten ausprobiert haben. „Denn erstmals“, sagt Ramiro, „werden die Menschen im Amazonas einbezogen.“

Eine neue Erfahrung – auch für Maria Gonçalves. Es gelingt ihr, den Bittbrief ihrer Dorfgemeinschaft einem Assistenten des Gouverneurs zuzustecken. Sie ist fassungslos. Der Frau stehen die Tränen in den Augen: „Es ist das erste Mal, dass jemand von der Regierung zu uns kommt.“

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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