Zukunft der Industrie
Mit CO2-Waschmaschine zur weißen Weste

Mit einer CO2-Waschmaschine will sich der Energiekonzern RWE vom Schmuddelimage der Branche reinwaschen. Zusammen mit BASF und Linde entwickeln die Essener ein Verfahren, um Kohlekraftwerke sauberer und damit fit für die Zukunft zu machen. Als Europas größter Kohlendioxid-Emittent steht RWE dabei unter besonderem Druck.

NIEDERAUSSEM. RWEs neue Waschmaschine steht im Rheinland, knapp 20 Kilometer westlich von Köln. An die Außenwand des Braunkohlekraftwerks Niederaußem, gegenüber dem großen Kühlturm, lehnt sich ein 40 Meter hohes Gerüst aus 200 Tonnen Stahl mit Rohrleitungen, die sich über zwei Kilometer verzweigen. Mit dieser Anlage zapft der Energiekonzern einen Teil des Rauchgases ab und wäscht das klimaschädliche Kohlendioxid heraus, ehe die übrigen Abgase von der Stromproduktion in den Kühlturm und dann in die Atmosphäre geleitet werden.

Noch klappt das nur im kleinen Stil, es ist eine Pilotanlage. RWE setzt in die CO2-Wäsche aber große Hoffnungen: Sie soll in Zeiten von Klimadebatte und Emissionshandel Braun- und Steinkohlekraftwerke aus der Schmuddelecke holen und zukunftsfähig machen. Die Partner bei dem Projekt, der Chemiekonzern BASF und der Anlagenbauer Linde, versprechen sich von der neuen Technik vor allem ein gutes Geschäft. Wie hoch die Erwartungen sind, zeigt der Aufmarsch zur feierlichen Einweihung. Bundesumweltminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist ebenso gekommen wie der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers. Die Chefs der drei Konzerne Jürgen Großmann, Jürgen Hambrecht und Wolfgang Reitzle sind sowieso um den grünen Start-Knopf versammelt. Die Worte sind in Wahlkampfzeiten bewusst hochgegriffen: Von „Technologiegeschichte“, die hier geschrieben werde, spricht der Minister.

Bei aller Unternehmens- und Politik-PR – die Vermeidung von CO2 ist eines der drängendsten Probleme, aus Sicht des Klimaschutzes und aus Sicht der Energieversorger. Die Vorgaben zur permanenten Reduktion des Klimatreibers sind gesetzt, und per Emissionshandel wird nach und nach der Druck auf die größten Luftverschmutzer erhöht: die Braun- und Steinkohlekraftwerke. Alle Versorger, die auf den Energieträger nicht verzichten wollen, forschen an der Vermeidung von Kohlendioxid oder dessen Abtrennung. Eon beispielsweise betreibt in Rotterdam eine Pilotanlage zur CO2-Wäsche. Vattenfall testet in Brandenburg Methoden, um das CO2 schon vor und während der Verbrennung aufzunehmen.

Besonders starken Druck spürt RWE. Der Konzern betreibt nicht nur viele Anlagen, ist mit Abstand Europas größter Kohlendioxid-Emittent und muss jedes Jahr mehrere hundert Millionen Euro für den Kauf von CO2-Zertifikaten aufwenden. Das Unternehmen kann auf die Technik auch nicht verzichten, weil es selber Braunkohle im Tagebau fördert. RWE bleibt nur ein Ausweg: Der CO2-Ausstoß muss sinken.

Der Konzern versucht zunächst mit neuen Technologien und Werkstoffen, den Wirkungsgrad seiner Anlagen zu erhöhen. Derzeit werden in Braunkohlekraftwerken 43 Prozent der eingesetzten Energie in Strom umgewandelt, bei Steinkohleanlagen sind es 46 Prozent. Über 50 Prozent sollen es werden, etwa durch höhere Temperatur und Druck. In Niederaußem hat das Unternehmen sein „Innovationszentrum Kohle“ eingerichtet. Hier steht eine Pilotanlage, um Braunkohle durch Verwirbelung vorzutrocknen und sie so effizienter verbrennen zu können. Und hier arbeiten in einem großen Gewächshaus Mikroalgen, die CO2 zum Wachstum benötigen. Rauchgas wird durch die Algenkulturen geführt, um den Klimaschädling zu binden. Einige Kilometer von Niederaußem entfernt, in Hürth, will RWE bis 2015 sogar ein erstes Großkraftwerk bauen, indem die Kohle vorab in ein Brenngas umgewandelt wird, aus dem CO2 vor der Stromproduktion abgetrennt werden kann.

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