Astronomie
Archäologie an Schwarzen Löchern

Sie setzen in Sekunden so viel Energie frei wie unsere Sonne in zehn Milliarden Jahren: Gammastrahlen-Blitze gelten als die energiereichsten Phänomene im Universum. Doch die Natur der Blitze, die täglich aus der Tiefe des Alls aufleuchten, ist noch immer weitgehend unbekannt. Ein neues Weltraumteleskop soll ihr Rätsel jetzt entschlüsseln.

HB CAPE CANAVERAL. Das Funkeln der Sterne am Nachthimmel zeigt nur einen kleinen Teil des Universums. Die spektakulärsten Ereignisse des Kosmos spielen sich meist im Verborgenen ab, selbst die gewaltigsten Explosionen im Weltall bleiben für das bloße Auge unsichtbar. So blieben den Astronomen auch lange jene extrem energiereichen Blitze verborgen, die täglich mehrfach aus der Tiefe des Alls aufleuchten: Gammastrahlen-Blitze (Gamma Ray Bursts = GBR). Sie gelten als Sendboten kosmischer Katastrophen, deren Natur Forscher jetzt genauer erkunden wollen: Am kommenden Mittwoch (11.Juni) soll das Weltraumteleskop „Glast“ vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral in Florida abheben. Von dem fast 700 Millionen Dollar (knapp 450 Millionen Euro) teuren Instrument erwarten Astronomen auch einen der bislang tiefsten Blicke ins All.

„Glast“ - Gamma-ray Large Area Space Telescope - beobachtet den Himmel im Bereich der kosmischen Gammastrahlung. Dieses für das bloße Auge unsichtbare Licht stammt aus exotischen Quellen. Meist begleiten die Blitze eine kosmische Katastrophe, etwa die Explosion eine Riesensterns oder das Verschwinden ganzer Sternsysteme im Schlund eines gigantischen Schwarzen Lochs. Möglicherweise stammen einige GBR auch von der immer noch rätselhaften Dunklen Materie. Die ist zwar rund vier Mal häufiger als gewöhnliche Materie, aus der Sterne, Planeten und auch Menschen bestehen, ihre Natur ist jedoch völlig unbekannt. Außer über ihre Schwerkraft könnte sie sich jedoch auch über Gammastrahlung bemerkbar machen, wenn zwei ihrer Partikel miteinander reagieren und zerstrahlen.

„Mit Glast werden wir diese Phänomene sehr viel empfindlicher untersuchen können“, sagt Roland Diehl vom Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching bei München, das als einzige deutsche Einrichtung an dem Teleskop beteiligt ist. Das Institut hat maßgeblich den Sensor für die GBR entwickelt. Entsprechend angespannt blickt die Garchinger Gruppe auf den Start der Mission.

Um den geheimnisvollen Blitzen auf die Spur zu kommen, müssen die Forscher ihr Beobachtungsinstrument ins All schicken. Denn die Erdatmosphäre schützt Menschen, Tiere und Pflanzen vor der kosmischen Strahlung. Auf der Erde sind nur die Folgeteilchen nachweisbar, die durch das unentwegte Bombardement entsteht. „Ein einzelner Gammastrahlenblitz kann in wenigen Sekunden dieselbe Energie freisetzen, die unsere Sonne in ihren gesamten zehn Milliarden Jahren Lebenszeit abstrahlt“, erläutert Nasa-Forscher Neil Gehrels vom Goddard Space Flight Center.

Die Ausbrüche sind damit noch heller als Supernova-Explosionen oder die extrem leuchtkräftigen, weit entfernten Quasare - aktive Galaxienkerne, die sonst als hellste Objekte im All gelten. Damit ermöglichen die GBR einen Blick in eine weit entfernte Vergangenheit des Universums. Ihr Licht, das aus Milliarden Lichtjahren Entfernung zu uns kommt, stammt aus der Frühzeit des Kosmos. „Die Blitze können uns eine Epoche des Universums erhellen, in der sich die ersten Sterne gebildet haben“, betont Diehl. Sein US-Kollege Charles Dermer vom US-Marineforschungslabor in Washington hat gleich den passenden Namen für diese Art der Sternenforschung parat: „Archäologie an Schwarzen Löchern“ nennt der Glast-Forscher seine Arbeit.

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