Egoismus der Gene
Der Klimagipfel und die Lemminge

In der Natur findet nichts zur „Erhaltung der Art“ statt, der „Egoismus der Gene“ verhindert das. Doch in der derzeitigen Klimadebatte wird genau das gefordert: Klimaschutz zum Nutzen unserer Art. Man fühlt sich erinnert an die Mär von den Lemmingen.
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Die „Land unter“-Situation in Bangladesch und anderswo durch den steigenden Meeresspiegel und die Lage beim Klimagipfel erinnern mich an die Mär vom freiwilligen Tod der Lemminge. Es scheint sich im kollektiven Gedächtnis fest eingenistet zu haben, dass diese hamsterartigen Nager der Arktis regelmäßig in großen Zahlen den freiwilligen Tod in den Fluten des Meeres suchen. Diese Vorstellung geht auf Walt Disneys Tierfilm „White wilderness“ aus der „True life adventure series“ zurück, der 1958 einen Oscar als beste „Dokumentation“ gewann.

Aber dieser Film hat wenig mit true life oder Dokumentation zu tun. Die Filmleute haben die Tiere schlicht von den Klippen geschubst und behauptet, dass sich Lemminge bei Überbevölkerung opfern, damit die Artgenossen genug Lebensraum und Nahrung haben. Massenwanderungen bei hoher Populationsdichte finden zwar statt. Aber sie haben eher mit dem Druck von Fressfeinden (Schneeeulen, Skua-Möwen und arktischen Füchsen) zu tun als mit Nahrungsmangel. Die Lemminge versuchen, neue Lebensräume zu erreichen. Dies ist kein Mechanismus zur Erhaltung der Art durch freiwillige Populationsregulation.

In der Natur findet nichts zum Guten der Art oder zur Erhaltung der Art statt. Das ist ein Missverständnis, das Konrad Lorenz uns im deutschen Sprachraum eingebrockt hat, indem er in seinem Buch „Das sogenannte Böse“ vom „arterhaltenden“ Sinn der Aggression sprach. So funktioniert die Evolution aber nicht, denn die natürliche Auslese setzt viel schneller, stärker und unmittelbarer auf der Ebene des Individuums als auf der Ebene der Art an.

Das kann man sich durch ein Gedankenexperiment vor Augen führen: Die egoistischen Lemminge, die nicht von der Klippe springen, hätten mehr Nachfahren als die selbstlosen. So würde Egoismus sich durchsetzen, denn die egoistischen Gene werden häufiger im Genpool präsent sein als die selbstlosen. Gruppenselektion, die angeblich auf der Ebene von Gruppen von nicht verwandten Organismen agiert, war eine zu Zeiten des Disneyfilms populäre Idee. Interessanterweise ging sie gerade auf dem Höhepunkt der Hippiebewegung den wissenschaftlichen Bach hinunter mit dem 1971 erschienenen Buch „Group Selection“ von George Williams, dessen Ideen von Richard Dawkins 1976 mit „Das egoistische Gen“ popularisiert wurden.

Artgenossen sind eben keine Genossen, sondern die größten Konkurrenten um limitierte Resourcen. Auch der die Art Homo sapiens beeinträchtigende Klimawandel wird dies zeigen. Man kann nur auf etwas Kultur hoffen.

Kommentare zu " Egoismus der Gene: Der Klimagipfel und die Lemminge"

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  • Sehr geehrter Herr Professor Meyer,
    ihr Artikel schließt mit der Hoffnung auf etwas Kultur. Diese Hoffnung wird aber nur verständlich, wenn Kultur so definiert wird wie es Albert Schweitzer in seinem buch Kultur und Ethik getan hat. Das ist leider keine sehr weit verbreitete Definition des Kulturbegriffs. im gleichen buch wird aber auch eine Theorie entwickelt, nach der Menschen sich anders verhalten als Tiere - weil sie denken. Die gemeinsame Anstrengung zur Erhaltung des Lebensraums kann man Kultur nennen, es könnte aber auch ein Verhalten sein, dass durch die Vernunft gesteuert wird.

    Mit meinen besten Wünschen zum neuen Jahr

    ihr Lothar Meurer

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