Ende des Römischen Reiches
Verfall der Moral oder ökonomischer Wandel

Keine Epoche bietet Historikern so großen Raum für verschiedene Auslegungen wie der Untergang des Römischen Reiches. Neueste Erkenntnisse deuten sein Ende ideologisch um. Statt Niedergang und Dekadenz wollen die Forscher Integration und Kontinuität sehen.

DÜSSELDORF. "Seit Edward Gibbons gewaltigem Werk ("The Decline and Fall of the Roman Empire", 1788) hat es unzählige Untersuchungen ... gegeben, und es sieht nicht so aus, als ob das je ein Ende nähme", schreibt Peter Heather in "Der Untergang des Römischen Weltreiches" (2008).

Aktuelle Werke über Roms Ende bieten nicht nur neue Erkenntnisse über die Vergangenheit, sondern sind auch Zeugnisse ideologischer Moden. Die Sicht auf die Spätantike hat sich stark verändert. Es geht im Wesentlichen um zwei Fragen, nämlich die nach den Gründen für den Untergang Roms und die nach der Rolle der Germanen und ihrer Reichsgründungen.

Die bis vor einigen Jahrzehnten als Abstammungsgemeinschaften gedeuteten Germanenvölker (lat. "gentes") glauben moderne Forscher wie Walter Pohl als "Abstraktionen" völkisch denkender Historiker entlarvt zu haben. Die "Verbände" seien nicht ethnisch homogen, sondern je nach politisch-militärischer Lage verschieden zusammengesetzt gewesen: "Es waren nicht Völker, die sich auf Wanderschaft begaben, um Rom zu erobern, eher umgekehrt: Die Kämpfe um die Macht im Imperium erforderten große Zusammenschlüsse, deren Erfolg ihren ethnischen Zusammenhalt verstärkte", schreibt Pohl.

Dass Sachsen, Franken, Alemannen, Burgunder, Sueben, Vandalen, Goten und Langobarden auf ihren jahrzehntelangen Kriegszügen keine völlig geschlossenen Fortpflanzungsgemeinschaften waren, ist wahrscheinlich. Natürlich hatten sie keinen Begriff von Volk, der dem des 19. und 20. Jahrhunderts entspricht. Doch die gegenwärtige Tendenz, sie als ethnisch bunte Glücksritter-Trupps umzudeuten, ist ebenso eine ideologische Sicht wie die der geschmähten "älteren Forschung". Pohls These, dass für die Germanen jener Epoche "ethnische Identität ... nicht Schicksal, sondern Orientierung" gewesen sei, "die einer unübersichtlichen Welt abgewonnen wurde", projiziert gegenwärtiges Denken in die Vergangenheit.

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