Europäischer Erfinderpreis
Mit neuen Waffen gegen Krebs

Hunderttausende Frauen sterben jedes Jahr an Gebärmutterhalskrebs. Auslöser sind meist sogenannte humane Papillomviren. Ian Frazer hat eine Waffe gefunden, mit der sich die gefährlichsten Virus-Typen bekämpfen lassen.
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BerlinAb und an muss Ian Frazer raus aus seinem Labor an der University of Queensland. Dann wandert er durch den australischen Busch und lässt sich den Wind um die Nase wehen. „Das hilft mir, über längerfristige Angelegenheiten nachzudenken und mich nicht nur auf die kurzfristigen Probleme zu fokussieren“, sagt der Forschungsdirektor des Translational Research Center in Brisbane.

Eine längerfristige Angelegenheit war auch die Innovation, die Ian Frazer und seinen 1999 verstorbenen Kollegen Jian Zhou die Nominierung für den Europäischen Erfinderpreis 2015 in der Kategorie „Außereuropäische Staaten“ einbrachte. In über 20 Jahren Arbeit entwickelten die beiden Forscher einen Impfstoff, der Gebärmutterhalskrebs verhindern kann.

Laut WHO starben 2013 weltweit rund 275.000 Frauen an dieser Krebsart. Hauptauslöser sind sogenannte humane Papillomviren (HPV), allen voran die Hochrisiko-Typen HPV 16 und 18. Frazer und Zhous Impfstoff, der 2006 unter dem Namen Gardasil auf den Markt kam, schützt zuverlässig vor Infektionen mit HPV 16 und 18 und unterbricht so die verhängnisvolle Verbindung zwischen Virus und Krebsentstehung.

Das auf einer neuartigen Technologie basierende Vakzin wird heute in über 120 Ländern genutzt. Bis dahin war es ein langer, steiniger Weg. „Wir wussten aber, dass das Ziel die Mühen wert ist – der erste Impfstoff, der Krebs vorbeugt“, sagt Ian Frazer.

Forscherdrang legte der 1953 in Glasgow geborene Frazer bereits in ganz jungen Jahren an den Tag. „Als kleines Kind habe gerne Dinge in ihre Einzelteile zerlegt, um herauszufinden, wie sie funktionieren. Ich denke, das Interesse an Wissenschaft ist in einer gewissen Weise angeboren“, so der Forscher. Allgemeingültig beweisen lässt sich das zwar kaum, bei ihm persönlich waren die genetischen Voraussetzungen aber auf jeden Fall gegeben. Papa Sam war Professor für Medizin, Mutter Marion arbeitete als Wissenschaftlerin.

Schon der Grundschule beschloss Ian Frazer, Physiker zu werden. Direkt vor Antritt des Studiums besuchte er noch einen Brieffreund in Stuttgart und traf dort einen Professor für Immunologie, der mit ihm über die Karriere diskutierte. „Er überzeugte mich, dass mein Interesse für Astrophysik zwar schön sei, es aber wesentlich nützlicher wäre, zu untersuchen, wie der Körper sich gegen Krankheitserreger wehrt“, erinnert sich Frazer. Eine Frage, die sich auch der 9-jährige Ian gestellt hatte, als er mit seinen Klassenkameraden in der Schlange für die Schutzimpfung gegen Kinderlähmung stand. „Da ist mir zum ersten Mal klar geworden, wie wichtig Impfungen sind.“

Statt für Physik schrieb sich Ian Frazer für ein Medizinstudium an der University of Edinburgh ein, das er 1977 abschloss. Anschließend arbeitete er als klinischer Immunologe, mit besten Aussichten auf einen Forscherlaufbahn an einer der britischen Top-Universitäten. Doch der junge Schotte wählte eine andere Option: Australien.

1974 hatte er einige Monate am Walter and Eliza Hall Institute of Medical Research in Melbourne verbracht, weil ihm aufgefallen war, „dass die Hälfte der wissenschaftlichen Studien, die ich im Immunologie-Studium las, von dort zu kommen schien.“ Wenn er mit dem Studieren fertig sei, würden sie ihm einen Job anbieten, versprachen die Kollegen aus Melbourne – und daran hielten sie sich.

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