Forschungsergebnis
Warum Schwangere nicht umkippen

Ohne ein paar Veränderungen an der weiblichen Wirbelsäule wäre die Schwangerschaft deutlich anstrengender. Denn der gewaltige Bauch stellt für das Gleichgewicht eine echte Herausforderung dar. Um das Gewicht besser auszugleichen, passte sich der Lendenwirbelbereich der Frauen im Laufe der Evolution an, wie ein amerikanisches Forschertrio herausfand.

DÜSSELDORF. Für manche Schwangere mag es wie der blanke Hohn klingen, was ein amerikanisches Forschertrio heute im Fachblatt „Nature“ erklärt: „Dank bestimmter evolutionärer Anpassungen ist die Schwangerschaft heute weniger schmerzhaft als noch vor Millionen von Jahren.“ „Danke, Evolution“, mag die Schwangere denken und drückt die Hand ins schmerzgeplagte Hohlkreuz.

Doch dass sie ihren Rücken so weit durchdrücken kann, um das Gewicht zu verlagern, verdankt sie dem Feintuning der natürlichen Selektion, so die Entdeckung von Katherine Whitcome und ihren beiden Kollegen Liza Shapiro und Daniel Liebermann. Ohne ein paar Veränderungen an der weiblichen Wirbelsäule wären die hoffnungsvollen neun Monate noch deutlich anstrengender. Und wahrscheinlich hätte die Menschheit nie den Schritt zum vollendeten aufrechten Gang geschafft. Denn während bei Vierfüßern das Gewicht des Fötus die Mutter nicht aus dem Gleichgewicht bringt, stellt der gewaltige Bauch für das Gleichgewicht eines Zweibeiners eine echte Herausforderung dar, weil er den Schwerpunkt des Körpers nach vorne verlagert.

Um das Gewicht besser auszugleichen, passte sich der Lendenwirbelbereich der Frauen im Laufe der Evolution an und unterscheidet sich deshalb heute von dem der Männer. Die Krümmung der Wirbelsäule erstreckt sich bei Frauen über mehr Wirbel. Vier ihrer fünf Lendenwirbel fallen keilförmiger aus als beim Mann, was die Krümmung erleichtert. Die Verbindungsstellen zwischen den Wirbeln sind bei der Frau stärker angewinkelt als beim Mann. Nur so ist es Frauen möglich, ihr typisches Hohlkreuz auszubilden, um das Gewicht des Schwangerenbauches abzufangen.

Zu Urzeiten, als Frauen die meiste Zeit ihres Lebens mit Schwangerschaft und Stillzeit verbrachten, war dies ein echter Überlebensvorteil: „Ohne diese Anpassungen wären Schmerzen und Erschöpfung wahrscheinlich so groß gewesen, dass Schwangere deutlich größere Probleme hatten während des Beerensammelns oder auf der Flucht vor wilden Tieren.“

Auch bei den fossilen Überresten eines Mannes und einer Frau des Australopithecus africanus, eines schon aufrecht laufenden Vorläufers der Gattung Homo, fanden die Forscher ähnliche Unterschiede bei den Lendenwirbeln. Bei Schimpansen dagegen, die die meiste Zeit auf Händen und Füßen laufen, gibt es diesen Geschlechterunterschied nicht.

„Das zeigt, welch wichtige Rolle die biomechanischen Kräfte einer Schwangerschaft schon in den Anfängen der Evolution des aufrechten Ganges spielten“, so die Forscher. Dass der Evolution dabei nicht ganz das perfekte Design des Lendenwirbelbereichs geglückt ist, das wird einem jede schmerzgeplagte Schwangere gerne bestätigen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%