Geisteswissenschaft
Eine Lanze brechen für hohle Phrasen

In Redensarten überdauern historische Verhaltensweisen und Ereignisse die Jahrhunderte. Eine Germanistin in Berlin sammelt und katalogisiert sie jetzt systematisch. Sie hat sich auf Phraseologie spezialisiert – und zeigt, dass dahinter mehr steckt, als bloß abgedroschene Sprichwörter.
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DÜSSELDORF. In Journalistenschulen werden Redensarten meist als „abgedroschen“ verteufelt. Für die Sprachwissenschaft sind sie gerade wegen ihres Alters besonders interessant. „Redensarten komprimieren alte Traditionen, Rechtsvorschriften, Aberglauben, aussagekräftige Mimik, Gestik und Körperhaltung“, sagt Barbara Komenda-Earle von der TU Berlin.

Die polnische Germanistin hat sich auf Phraseologie spezialisiert und legt im Rahmen des Forschungsprojektes „Kulturelle Implikationen der Phraseologie“ eine Sammlung deutscher Redensarten an, die sie historisch erklären kann. Wenn wir heute zum Beispiel einem Untergebenen empfehlen, „sich etwas hinter die Ohren zu schreiben“, dann zitieren wir damit unbewusst die derbe Sitte unserer Vorfahren, dass man bei wichtigen Handlungen, Verträgen, Grundsteinlegungen und Ähnlichem einem Knaben in die Ohren kniff oder eine Ohrfeige gab (und danach eine kleine Belohnung), damit er sich daran stets erinnerte.

Das neue und einmalige an ihrer Arbeit ist die Sortierung und Deutung der Redensarten nach Kategorien. Bloß metaphorische, bildmalerische Ausdrücke wie „Berge versetzen können“ oder „das Blaue vom Himmel herunterlügen“ interessieren Komenda-Earle weniger als diejenigen, die tatsächlich den Lebensformen und Werthaltungen vergangener Jahrhunderte entsprechen.

Eine dieser Kategorien ist zum Beispiel Kirche und Glauben. Wenn heute jemand sagt „Asche auf mein Haupt“, dann denkt er dabei kaum an die mittelalterlichen Büßer, die das ganz wörtlich nahmen. Eine andere Kategorie sind konkrete historische Ereignisse: Wenn gefordert wird, der Staat müsse für eine Bank „in die Bresche springen“, dann weiß wohl kaum ein Bankmanager, dass diese Bresche auf die Schlacht von Sempach 1386 zurückgeht, als sich der schweizerische Held Winkelried angeblich in die Lanzen der Habsburger stürzte, um für seine Kameraden den Durchbruch zu ermöglichen.

„Redensarten unterliegen metaphorischen Verschiebungen“, erläutert Komenda-Earle. „Einen aufs Dach kriegen“ wird heute meist auf den Kopf bezogen, obwohl es ursprünglich um das konkrete Dach der Häuser von schuldig Gesprochenen ging, das abgerissen wurde.

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