Geschichte
Die deutsche Trikolore – eine Farbenlehre

Zur Fußball-Weltmeisterschaft sieht man sie wieder zahlreich in Fenstern, Gärten, auf Balkonen oder wild flatternd in vorbeiziehenden Autos: Deutschland-Flaggen. Dabei ist den meisten nur recht undeutlich klar, welch bewegte Vergangenheit Schwarz-Rot-Gold hat.

"Die geglückte Demokratie" (Edgar Wolfrum) entstand aus schweren Zeiten. 1949 trat der Parlamentarische Rat mit schwarz-rot-goldener Bundesflagge (Art. 22 GG) in den Erbgang der Weimarer Verfassung. Ihr Artikel 3 bestimmte: "Die Reichsfarben sind schwarz-rot-gold. Die Handelsflagge ist schwarz-weiß-rot mit den Reichsfarben in der oberen inneren Ecke." Als Hitler diese Farben durch die Hakenkreuzfahne ersetzte, gab es wenig Protest für Schwarz-Rot-Gold. Es waren die Farben der Kriegsniederlage und der Novemberrevolution von 1918 geblieben.

Die Weimarer Nationalversammlung hatte den Rückgriff auf die ebenfalls gescheiterte Revolution von 1848/49 gewagt. Unter schwarz-rot-goldenem Fahnenhimmel waren damals die Abgeordneten feierlich in die Frankfurter Paulskirche eingezogen, um eine Verfassung für ganz Deutschland zu erarbeiten. Doch das dauerte. Und die zunächst perplexen Fürsten vertrieben mit Waffengewalt die Anhänger des "Flittergoldes".

Im April 1871 diktierte dann Bismarck dem Reich als "ewigem Bund" (Präambel) in die neue Verfassung von oben: "Die Flagge der Kriegs- und Handelsmarine ist schwarz-weiß-rot". Kombiniert waren darin die Farben Preußens, Kurbrandenburgs und der Hansestädte. Da kannte sich, so Bismarck, der preußische Troupier bestens aus. Auch diese Niederlage für Schwarz-Rot-Gold hatte ihre Vorgeschichte.

So wollten nach Napoleons Vertreibung die meisten Fürsten in Deutschland von ihren patriotischen Versprechen nichts mehr wissen. Als dagegen ehemalige Freikorps-Kämpfer und Burschenschafter protestierten, wurde Schwarz-Rot-Gold zum Banner der Rebellion. Praktischerweise hatte man die bunten Haufen der Freiwilligen aus ganz Deutschland, die Preußens Truppen 1812/13 unterstützten, schwarz eingefärbt. Rote Aufschläge symbolisierten Kriegsmut, gelbe Knöpfe hielten die Montur zusammen.

Besonders Theodor Körner, Adjutant des Kommandeurs von "Lützows wild verwegener Jagd", beschwor die schwarze Schar als Korps der Rache am "Bluthund" Napoleon. Den Befreiungskampf fürs Vaterland bedichtete Körner als Krieg, von dem "die Kronen nichts wissen". Sie wussten indes sehr genau, was die Forderung nach Freiheit, Vaterland, Gleichheit vor dem Recht und deren Verfassungsverbürgung für die alte Ordnung bedeuteten. Sie machten mit Gewalt und Zensur (Demagogenverfolgung) dem Aufbruch an den Universitäten, welche die Fahne Rot-Schwarz-Rot mit aufgesticktem goldenem Eichenzweig in der Mitte zum Feldzeichen gegen Zopf und Korporalstock proklamierten, den Garaus.

Auch "Turnvater" Friedrich Jahns Verbindung von Revolution und Tradition half nichts. Die alten Kaiserfarben hatten die Aufständischen seinerzeit im Bauernkrieg vereinnahmt. Die vaterländische Begeisterung der akademischen Jugend beim Wartburgfest 1817 sowie beim Hambacher Fest 1832, wo die feierliche Investitur des "Dreifarb" erfolgte, übertrug sich nicht auf die Massen. Das deutsche Volk, seufzte Heinrich Heine, habe selbst in den Pantoffeln noch Blei.

Erst 1949 wurde die alte Trikolore endlich in ihre republikanische Freiheitswürde eingesetzt. Das Schwarz-Rot-Gold der DDR, legitimiert als historisches Vermächtnis der linken Radikaldemokratie, kam unter Hammer und Sichel. Doch nach 1989 verbleibt im Kreuzpunkt unserer Geschichte und Gegenwart die Pflicht zur weiteren Bewährung. Nicht nur bei einer WM!

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